Im Jahr 2008 leben erstmals mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, in absoluten Zahlen 3,3 Milliarden Menschen. Fast ein Drittel, nämlich mehr als eine Milliarde Menschen leben in Slums! Bis 2030 werden voraussichtlich fünf Milliarden Menschen die Städte bevölkern. Ein Großteil des künftigen städtischen Wachstums wird in Afrika und Asien stattfinden.
Von den 27 Megastädte im Jahr 2020, den Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, werden nur vier nicht in Entwicklungsländern liegen. Zwölf der Riesenstädte wird es allein in Asien geben. Während früher Landflucht zentrale Ursache für das Anwachsen der Städte war, ist es heute zunehmend das natürliche Bevölkerungswachstum. Damit wächst die Bedeutung nachhaltiger Stadtentwicklung.
Städte spielen eine ganz entscheidende Rolle für Entwicklungsländer. Sie sind Wachstums- und Entwicklungsmotoren vieler nationaler Volkswirtschaften. In ihnen konzentrieren sich aber auch Armut, Umweltverschmutzung und Gewalt. Die Chancen, die sich im städtischen Raum bieten, werden oftmals von den Folgen eines zu schnellen Wachstums überschattet.
In den Städten können Absatzmärkte erschlossen, Produkte und Dienstleistungen effizient bereitgestellt und verteilt werden. Städte können somit die Globalisierung für sich nutzen. Aber dieser Nutzen ist ungerecht verteilt: Im „informellen Sektor“ der urbanen Wirtschaft sind ein niedriges Lohnniveau, Einkommensunsicherheit, lediglich tage- oder stundenweise Beschäftigung und mangelnde gesetzliche Absicherung zu beobachten. Eine Vielzahl der Stadtbewohner lebt in Folge dessen unter der Armutsgrenze.
Zum informellen Sektor gehören Kleinstbetriebe, meist auch Einpersonen- oder Familienbetriebe, die außerhalb der staatlich festgelegten Regeln wirtschaften. Zum Beispiel in den Bereichen Handel, Handwerk oder Betreuung von Kindern und kranken Menschen.
Die Chancen sind real: Aufgrund ihrer Größe und Siedlungsdichte können Städte soziale Infrastruktur besser und kostengünstiger bereitstellen. Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen können organisiert und von vielen Menschen besucht werden. Frauen haben bessere Möglichkeiten, am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben teilzuhaben. Ein uneingeschränkter Zugang zu Dienstleistungen der reproduktiven Gesundheit führt zur Verlangsamung des natürlichen Bevölkerungswachstums. Aber auch hier sind die Chancen ungleich verteilt: Slumbewohner müssen sich die Angebote erst hartnäckig erkämpfen.
Auch aus ökologischer Sicht sind Städte von besonderer Bedeutung. Städte belasten die Umwelt erheblich, bieten aber zugleich die Chance Ressourcen zum Beispiel durch umweltverträglichen Nahverkehr nachhaltig zu nutzen. In der Realität werden die Chancen zu wenig genutzt: Ungeplante Siedlungen an Flussufern, in Überschwemmungs- und Industriegebieten belasten die Gesundheit der Bewohner und die Umwelt. Auswirkungen des Klimawandels, wie die Bedrohung von städtischen Küstenregionen durch den Anstieg des Meeresspiegels, müssen umfassend gelöst werden.
Nachhaltige Stadtentwicklung ist ein wesentlicher Schlüssel, um die Millenniums-Entwicklungsziele zu erreichen. Die deutsche Entwicklungspolitik sieht daher in der nachhaltigen Stadtentwicklung ein wichtiges Handlungsfeld. Gemeinsam mit den Entwicklungspartnern werden derzeit rund 215 Stadtentwicklungsvorhaben in über 64 Ländern durchgeführt.
Die Vorhaben betreffen unter anderem die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur wie die Wasser-, Sanitär- und Abfallentsorgung. Die Vorhaben beginnen mit kleineren Maßnahmen vor Ort, die unmittelbar zur Verbesserung der Lebensverhältnisse führen. Sie reichen bis zur Unterstützung der Regierung bei der Erarbeitung von Stadtentwicklungsstrategien.
Ein konkretes Beispiel für die Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Stadtentwicklung ist die in El Salvador begonnene Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Slums („Slumrehabilitierung“).
El Salvador ist nicht nur eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, es weist auch eine der weltweit höchsten Besiedlungsdichten auf. Das jährliche Bevölkerungswachstum in El Salvador beträgt drei Prozent. Für die neuen Bewohner stehen weder ausreichende noch lebenswerte Wohnungen zur Verfügung.
Der Mangel ist vor allem im Ballungsraum der Hauptstadt San Salvador spürbar und betrifft vorrangig die arme Bevölkerung. Mit dem Programm „Slumrehabilitierung“ werden die Slums an die Versorgungsnetze für Wasser, Abwasser und Strom angebunden. Unter aktiver Mitarbeit der Bewohner werden Straßen verbessert und soziale Begegnungsstätten eingerichtet. Das Vorhaben läuft seit 2007 und wird voraussichtlich 2010 beendet sein.
Wichtig ist bei allen Maßnahmen eine breite Teilnahme der Bevölkerung und vor allem eine Mitwirkung der Frauen. In vielen Ländern haben – aufgrund kultureller Traditionen – Frauen die Hauptverantwortung für das Wohnen und die Versorgung der Kinder. Dies ist auch in den Städten nicht anders. In vielen Slums haben Initiativen von Frauen die Führung bei der Verbesserung der Lebenssituation übernommen.
Die deutsche Entwicklungspolitik hat die herausragende Bedeutung von Städten erkannt. Die einzelnen Städte können die wachsenden Probleme allein nicht bewältigen. Ihre Anstrengungen zur nachhaltigen Entwicklung müssen national und international gestärkt werden. Das Ziel sind sichere und lebenswerte Städte für alle, insbesondere für die städtischen Armen.
(Autor: Manfred Konukiewitz, Leiter der Unterabteilung Globale und sektorale Aufgaben und Beauftragter für den Klimawandel, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)