In Swasiland, einem Land so klein wie Rheinland-Pfalz, leben rund eine Million Menschen. Noch bis Ende der Neunzigerjahre war Swasiland eines der Länder Afrikas, das im Verhältnis zu anderen Gebieten eine gute Lebenserwartung bot. Seine Bevölkerung wies eine überdurchschnittliche Bildungsquote auf.
Heute, nur wenige Jahre später, sieht das ganz anders aus: Swasiland ist nun das Land mit der höchsten HIV-Prävalenz (Infektionsrate) der Welt. Nach aktuellen Zahlen von Unaids, dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen gegen HIV/Aids, liegt die Infektionsrate hier bei mehr als 38 Prozent.
Viele zehntausend Menschen mussten durch diese Viruserkrankung bereits ihr Leben lassen. Über 95.000 Kinder haben in Swasiland ihre Eltern verloren. Zumeist leben diese Kinder bei Verwandten, immer öfter aber auch auf sich allein gestellt in so genannten Kinderfamilien.
„Zurückgekehrt nach Swasiland, dem kleinen Königreich im Südosten Afrikas, mussten wir auch dieses Mal wieder feststellen, dass einige unserer Freunde, Helfer und Unterstützer nicht mehr da waren. Es fehlten Siphiso, Nonhlandhla, Simphiwe und einige der ehrenamtlichen Bauleute. Gestorben seit unserem letzten Projektaufenthalt - verloren an HIV/Aids. Auch sie haben Kinder zurückgelassen, die nun in einer für sie fremden und feindlichen Welt um das reine Überleben kämpfen.“ (Auszug aus dem Erfahrungsbericht zu Swasiland des Vereins Hand in Hand e.V.).
Nach Prognosen von internationalen Hilfsorganisationen wird sich die Zahl der Aids-Waisen in den nächsten Jahren auf über 120.000 erhöhen. Hunger, Krankheit und Missbrauch wird viele dieser Kinder schon kurz nach dem Tod der Eltern selber zu Opfern werden lassen.
Im Jahr 2004 beschloss der Verein „Hand in Hand" deshalb, in Swasiland/Afrika ein Projekt für Aids-Waisen ins Leben zu rufen. Das Projekt startete im Jahr 2005 und hat vorerst eine Laufzeit von zehn Jahren.
Zunächst war beabsichtigt, Kinderdörfer nach dem Vorbild anderer erfolgreicher Hilfsorganisationen zu bauen. Bereits nach kurzer Zeit erkannten die ehrenamtlichen Mitarbeiter vor Ort jedoch: So viele Not leidende Kinder können nicht in Kinderdörfern versorgt werden. Schnell war klar: Nur die traditionellen Auffangsysteme für Waisenkinder haben ein ausreichendes Potenzial. Die erweiterten Familien und Dorfgemeinschaften waren schon immer das soziale Sicherheitsnetz, das jedes Waisenkind aufgefangen hat. Sie gilt es zu stärken und zu unterstützen.
Seit dem Aufkommen von HIV/Aids und der damit verbundenen hohen Sterberate sind diese Systeme jedoch völlig überlastet und nicht selten komplett zusammengebrochen. Die erweiterten Familien bestehen meist nur noch aus den Großeltern, die sehr oft dutzende Enkelkinder bei sich aufgenommen haben. Durch den Verlust vieler Mitglieder stehen die Dorfgemeinschaften den neuen Aufgaben oft ohnmächtig gegenüber.
Mit dem Projekt - unterstützt von der erst vor kurzem gegründeten Partnerorganisation "Hand in Hand Swasiland" - wird das lokale soziale Netz wieder aufgebaut. Mit Hilfe unzähliger ehrenamtlicher Helfer entsteht zur Zeit ein dichtes Netz an Betreuungszentren für Aids-Waisenkinder. Diese Einrichtungen des Vereins sind als Dorfgemeinschaftshäuser konzipiert. Sie bieten den Menschen die Möglichkeit, alle Waisenkinder eines Dorfes dort gemeinschaftlich zu versorgen.
Die als Neighborhood Care Point (NCP, Nachbarschafts-Betreuungs-Zentrum) bezeichneten Gebäude bestehen aus einer offenen Küche und einem kombinierten Ess- und Klassenraum. Hier findet täglich ein informeller Schulunterricht statt, in dem die so genannten „Überlebensfähigkeiten“ vermittelt werden: zum Beispiel Lesen, Schreiben, Hygiene, Nahrungsmittelzubereitung, Ackerbau und sexuelle Aufklärung. Gedacht ist dieser Unterricht für all diejenigen Kinder, die aus den verschiedensten Gründen keinen Zugang zum kostenpflichtigen staatlichen Schulsystem haben.
Die Betreuungszentren werden auf Grundstücken gebaut, die von den lokalen Behörden kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Einheimische Freiwillige garantieren den Bau und den Betrieb der Zentren. Dieses Verfahren hält nicht nur die Kosten überschaubar, sondern fördert auch das Verantwortungsgefühl der Dorfgemeinschaft.
In den ersten drei Projektjahren wurden mit Hilfe der Organisation Hand in Hand bereits 18 Betreuungszentren für Aids-Waisen errichtet. Dort werden bereits jetzt über 1.800 Aids-Waisen und Kinder, die von Armut betroffen sind, versorgt. Das große Ziel von Hand in Hand ist es, bis zum Jahr 2015 100 Betreuungspunkte zu errichten. Dort sollen dann täglich über 10.000 Kinder versorgt werden.
Neben dem Bau der Betreuungszentren unterstützt Hand in Hand die erweiterten Familien sowie Kinderfamilien mit der Errichtung einfachster Häuser. Über 200 dieser 16 beziehungsweise 32 Quadratmeter großen Häuser will die Organisation in den nächsten Jahren aufbauen.
(Autor: Alexander Ablasser, Hand in Hand e.V., Wiesbaden)