Das Binnendelta des Niger zählt zu den wasserreichsten Gebieten Westafrikas. Zwar regnet es im Norden Malis selbst nur sehr wenig. Jedoch bringt der drittlängste Fluss Afrikas, der Niger, ab Juli aus dem Süden große Wassermassen heran. Sie laufen in einem großen See zusammen, dem Lac Debo. Von hier aus überfluten sie alljährlich ein Netz von Nebenarmen und Seen - etwa so groß wie Niedersachsen.
Ähnlich dem Wattenmeer ist das Binnendelta des Niger eine amphibische Landschaft, kaum erschlossen und schwer zugänglich. Die nutzbaren Flächen liegen verstreut an den Flussufern. Bewässerungsfelder lassen sich nur in kleinen Partien erschließen. Selten geht es um mehr als einhundert Hektar.
Acht verschiedene Völker (mit eigener Sprache und Kultur) leben hier zusammen. Jeder Ort hat seine eigene ethnische Zusammensetzung und ausgeprägte Eigenheit.
Die Landwirtschaftsbewässerung ist ein Schwerpunkt des Programms Mali-Nord, das von der Bundesregierung gefördert wird. Dabei kooperieren die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und die KfW-Entwicklungsbank.
Die Jahre von 1995 bis 1999 waren Lehrjahre für Mali-Nord. Anfangs baten einzelne Gemeinschaften um Hilfe, ihre Bewässerungsfelder wieder herzurichten. Unter ihnen auch die Tuareg.
Unerfüllte Forderungen des nomadischen Volksstamms der Tuareg nach Selbstverwaltung waren der Auslöser der Tuareg-Rebellion im Jahre 1990. Sie führte zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die erst mit dem nationalen Pakt von 1992 ihr vorläufiges Ende fanden. Die Umsetzung des Pacte National stieß auf Widerstände. Die Kämpfe flackerten erneut auf und endeten erst 1995.
Die Tuareg hatten ihre Felder nach dem Ausbruch der Rebellion meist fluchtartig vor den Repressionen der malischen Armee verlassen. Dadurch hatten sie ihre Motorpumpen, Vorräte und Betriebsmittel eingebüßt. Unsicherheit, mangelnde Verkehrswege und Transportmittel sowie der fehlende Absatzmarkt hatten überall zu rapide sinkenden Erträgen geführt. Die Region von Timbuktu war Nahrungsnotstandsgebiet.
Zunächst ging es um Soforthilfe. Rasch sollte sie wirken, aber nicht nur für eine Saison. Da wurde in Ersatzteile für die Motorpumpen investiert, in Saatgut, Treibstoff und Dünger. Hacken, Schaufeln, Schubkarren, Säcke und dergleichen waren ebenso notwendig wie die Investitionen in Transportmittel wie Eselskarren und kleine Boote. Auch die Instandsetzung von Kanalanlagen, Einlaufbecken und Lagern war notwendig. Das brachte die Trendwende und eine erste Stabilisierung - und ein bisschen Nahrungssicherheit.
Zugleich stellte sich die Frage: Wer hat im Norden Malis schon Bewässerungsfelder angelegt? Wo haben sie sich bewährt? Wo haben sie sich nicht durchgesetzt? Was tun, um frühere Fehler zu vermeiden? Neben rein technischen Mängeln (bei Planung und Bau) hatten in der Vergangenheit auch andere Faktoren zum Scheitern geführt. So beispielsweise die mangelnde Beteiligung der Bevölkerung an Planung und Umsetzung sowie der jahrelange Druck der Verschuldung durch den Kauf der Motorpumpe. Diese Überlegungen flossen in die Strategie ein, als es ab 2000 darum ging, die kleinbäuerliche Bewässerungslandwirtschaft systematisch auszubauen. Damit war der Grundstein gelegt, das riesige Potenzial des Binnendeltas zu nutzen. Kernelemente der Strategie waren:
Was wo geht, welche Arbeiten traditionell nur von Männern und welche nur von Frauen verrichtet werden, wissen nur die Menschen vor Ort. Kein Platz für große Aufträge. Kein Platz für Maschinen. Kein Platz für große Unternehmen.
Die schwierigen natürlichen Gegebenheiten und die Menschen ließen dem Programm Mali-Nord keine Wahl als auf das lokale Wissen und auf die Kräfte vor Ort zu setzen. Es wurde der gleiche Ansatz wie in den Phasen der Nothilfe und des Wiederaufbaus zuvor verwendet.
Die Auswahl der Gruppen, der Dörfer, Gemeinden, die ethnische Ausgewogenheit aller Entscheidungen ist Sache der Mitarbeiter des Programms Mali-Nord. Beteiligt ist auch ein Programmbeirat, eine Art Ältestenrat der Region von Timbuktu. Der Prozess beginnt in den betroffenen Dörfern. Dann geht er über die Gemeinden und Kreise. Jeweils zu Beginn einer Investitionsperiode wird er in einem intensiven Planungsprozess unter den Bürgermeistern und Honoratioren regelrecht ausgehandelt. Das hat sich bewährt und war die Garantie für sozialen Frieden.
Mit dieser Strategie sind im Laufe von neun Jahren (2000 bis 2008) mehr als 10.000 Hektar Land hergerichtet worden. Mehr als 40.000 Kleinbauern und Kleinbäuerinnen bauen hier Reis an. Im vergangenen Jahr haben sie 86 Prozent der ausgebauten Fläche genutzt und darauf mehr als 50.000 Tonnen ungeschälten Reis produziert. Das sind im Schnitt knapp sechs Tonnen pro Hektar. Im Jahr 2008 werden es knapp 60.000 sein. Man darf sagen, die Strategie hat sich bewährt.
Eine einmalige Investition von 500 Euro pro Parzelle von 0,25 Hektar und Kleinbauer erhöht das Einkommen der betroffenen Familien alljährlich um den gleichen Betrag. Sie sichert vor allem deren Ernährung. Wo die Menschen früher in Massen abwanderten, bleibt die Jugend heute vor Ort. Die Abgewanderten von gestern kehren mehr und mehr zurück. Flächen zur Ausweitung des Programms gibt es genügend. Viele Gruppen und Dörfer warten darauf, dass sie selbst an die Reihe kommen.
Dem Risiko des Scheiterns muss man dennoch vorbeugen. Die traditionelle Landwirtschaft zielte allein auf die Selbsterhaltung (Subsistenz) ab. Geldwirtschaft gab es fast gar nicht. In der Bewässerungslandwirtschaft muss man jedoch wirtschaftlich denken und handeln. Nur wer Jahr für Jahr hohe Erträge erzielt und sein Getreide gut verkauft, kann seine Kosten decken und seine Familie ernähren. Er kann seine Fläche ausdehnen und in anderes investieren, meist in Vieh. Das erfordert die technische und organisatorische Beratung und Begleitung der Kleinbauern auf Jahre.
Die Achillesferse der Bewässerungslandwirtschaft, die mit Motorpumpen bewässert, ist die Technik. Die Maschinisten erhalten eine 14-tägige Grundausbildung und alljährlich einen einwöchigen Kurs zur Auffrischung und Fortbildung. Die Mechaniker selbst nehmen alle zwei Jahre an einer Fortbildung teil. An einer modernen Wartungs- und Ausbildungswerkstatt fehlt es jedoch noch. Sie soll demnächst in Diré entstehen, der geographischen Drehscheibe des Programms Mali-Nord und der Kleinbewässerung im Norden Malis.
Die Hilfe zur Selbsthilfe und die Bewusstseinsstärkung eigenverantwortlichen Handels in der örtlichen Bevölkerung haben nachhaltig gefruchtet. Die bisherigen Aktivitäten des Programm Mali-Nord haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Nahrungsmittelversorgung der dort lebenden Menschen verlässlicher geworden ist.
(Autoren: Barbara Rocksloh und Henner Papendieck, Projektleitung Mali Nord, GTZ/KfW)