Vor über zehn Jahren hat Ingeborg Schäuble das Ehrenamt als Vorsitzende bei der Welthungerhilfe übernommen. Seitdem ist die studierte Volkswirtin und Mutter von vier Kindern unermüdlich für die Welthungerhilfe im Einsatz. Für das Magazin zur Entwicklungspolitik gibt sie ihre Einschätzung der weltweiten Ernährungsproblematik.
Die derzeitige Hungerkrise kommt nicht überraschend. Sie kommt auch nicht lautlos. Tausende von Menschen treibt ihre Verzweiflung über explosionsartig gestiegene Nahrungsmittelpreise auf die Straße. Aufstände in Angola, auf Haiti oder in Mexiko machen den Ernst der Lage überdeutlich. Rund 980 Millionen Menschen in Entwicklungsländern verfügen über weniger als einen Dollar am Tag – sie können sich kaum mehr ihr tägliches Brot leisten.
Schuld haben Preis-Dumping durch Industrieländer, vernachlässigte landwirtschaftliche Produktion und Ernteeinbußen aufgrund des Klimawandels. Das Wirtschaftswachstum in Schwellenländern, aber auch in Entwicklungsländern verstärkte die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, insbesondere nach Tierprodukten. Nicht zuletzt trieben Spekulationen mit Agrarrohstoffen die Preise in die Höhe.
All dies verschärft die ohnehin kritische Ernährungssituation in vielen Teilen der Welt. Hier spielen neben den genannten Gründen auch bewaffnete Konflikte sowie die Ausbreitung von HIV/Aids eine entscheidende Rolle.
Mehr als 850 Millionen Menschen leiden unter chronischem Hunger. Die meisten von ihnen leben von der Landwirtschaft. Doch häufig reichen vorhandene Anbauflächen nicht aus. Schlechtes Saatgut oder veraltete Anbaumethoden bringen nur geringe Ernteerträge. Fehlende Bewässerungssysteme vergeben eine Chance auf mehr Ertrag. Dürren und Hochwasser richten oft zusätzlichen Schaden an.
Wenn die Vorräte schon vor der nächsten Ernte verbraucht sind, leiden die Menschen Hunger. Damit beginnt ein Teufelskreislauf: Kinder armer Eltern kommen bereits mit Untergewicht zur Welt, als Erwachsene haben sie vielfach körperliche Beschwerden. Wie viele Menschen an den Folgen von Unterernährung sterben, weiß niemand genau. Schätzungen gehen von täglich etwa 24.000 Menschen weltweit aus.
Angesichts der sich weiter zuspitzenden Nahrungsmittelkrise bedarf es des schnellen Handelns auf nationaler wie internationaler Ebene. Helfen kann nun eine Politik, die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern in den Mittelpunkt stellt. Es gilt dort die Produktion von Nahrungsmitteln und ihre Vermarktung anzukurbeln und die ländlichen Gebiete wirtschaftlich wieder produktiver und damit attraktiver zu machen. Bauernorganisationen müssen gefördert, Zugang zu Land und Produktionsmitteln wie Dünger und Saatgut ermöglicht und die Weiterverarbeitung ausgebaut werden.
Ebenso wichtig ist die Aus- und Fortbildung von Bauern, damit diese zu einer verbesserten Ernährungssituation lokal, aber auch überregional beitragen können. Der Fokus von Entwicklung muss wieder auf die ländlichen Gebiete gerichtet werden, denn immerhin leben hier zwei von drei Hungernden. Ein Richtungswechsel, den die Welthungerhilfe schon seit langem fordert.
Nach Schätzungen des Washingtoner Forschungsinstituts IFPRI (International Food Policy Research Institute) müssten 20 bis 30 Prozent der weltweiten Entwicklungsgelder in die Landwirtschaft fließen statt derzeit lediglich vier Prozent.
Deutlich ist zu beobachten, dass sich der rasante Preisanstieg von Grundnahrungsmitteln als massives Entwicklungshemmnis erweist. Wenn zunehmend wieder Nahrungsmittelhilfe notwendig ist, bleiben weniger Mittel für die Bekämpfung der Ursachen von Hunger wie durch Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb ist es an der Zeit, dass die internationale Staatengemeinschaft und die Regierungen der Entwicklungsländer aktiv werden.
In Krisenzeiten kann Nahrungsmittelhilfe kurzfristig Symptome lindern, nicht aber die strukturellen Ursachen von Hunger beseitigen. Die landwirtschaftlichen Potenziale in den Entwicklungsländern sind noch lange nicht ausgeschöpft, auch nicht in Afrika. Um die landwirtschaftliche Produktion in den Entwicklungsländern zu fördern, müssen faire Handelsbedingungen geschaffen werden.
Es wäre angeraten, die Importrestriktionen der EU und anderer Industrieländer für landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern zu reduzieren. Außerdem sollten Agrarexportsubventionen in den Industrieländern vollständig abgebaut werden, um die Preise auf den Weltmärkten nicht künstlich niedrig zu halten.
Wer Hunger bekämpfen will, muss aber auch in Bildung und den Gesundheitssektor investieren. Je höher der Bildungsgrad, desto besser der Ernährungsstatus. Und nur gesunde Menschen sind in der Lage, ihre Entwicklung in die eigenen Hände zu nehmen. Durch soziale Sicherungssysteme müssen Bedürftige im Krisenfall abgesichert sein, damit Naturkatastrophen oder Konflikte nicht zu Hungerkrisen führen.
Die Regierungen der Entwicklungsländer sind aufgefordert, gegen Korruption und Missmanagement vorzugehen, um Fortschritt möglich zu machen. Nicht zuletzt gilt es, die Biokraftstoffproduktion in den Industrieländern zu überdenken. Energiepflanzen dürfen angesichts leerer Kornspeicher und steigender Nahrungsmittelpreise nicht in Konkurrenz mit Nahrungsmittelpflanzen treten. Klimaschutzziele müssen vielmehr durch Energiesparen, Effizienzsteigerung und innovative Verfahren der Energiegewinnung in den Verursacherländern erreicht werden.
Im Jahr 2000 verpflichteten sich 189 Regierungschefs in der Millenniumserklärung dazu, den Anteil der Hungernden weltweit bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Noch sind wir von diesem Ziel weit entfernt, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, wo in einigen Ländern der Hunger sogar noch zunimmt. Doch ein konsequenter Kurswechsel kann das Ruder noch herumreißen.
(Autorin: Ingeborg Schäuble, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe e.V., Bonn)