Dadurch stieg die Einwohnerzahl der Stadt sprunghaft an – von 1,8 Millionen im Jahr 2002 auf drei Millionen im Jahr 2004. Anfang der 1960er Jahre lebten in Kabul noch rund 320.000 Menschen. Nicht gewachsen in dieser Zeit sind die Wasserressourcen. Wächst die Bevölkerung so weiter, ist zu erwarten, dass sich die Wasserknappheit verschärft.
Eine von 2000 bis 2004 andauernde Dürre in der Region spitzte die vielfältigen Wasserversorgungsprobleme noch weiter zu. Das so genannte Kabul-Becken, mit der gleichnamigen Stadt im Zentrum, umfasst einen von Bergen umgebenen Talkessel, der vom Kabul-Fluss durchflossen wird.
Von 2003 bis 2006 führte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ein Projekt zur Verbesserung des Grundwasserschutzes im Kabul-Becken durch. Das BGR-Projekt war Teil des Katastrophenschutz-Programms im Rahmen der deutschen Wiederaufbauhilfe für Afghanistan. Partner der BGR vor Ort waren das Ministerium für Wasser und Energie, das Industrie- und Bergbau-Ministerium, sowie die Universität und die Polytechnische Hochschule Kabul.
Fast 85 Prozent des Trinkwassers gewinnt die Kabuler Bevölkerung aus dem Grundwasser. Nur ein Drittel aller Haushalte erhält das kostbare Nass direkt aus dem Wasserhahn. Die restlichen zwei Drittel fördern das Wasser für den täglichen Gebrauch mit Handpumpen aus Brunnen und tragen es in Eimern und Kanistern nach Hause. Dieses Wasser wird weder kontrolliert noch aufbereitet.
Im Allgemeinen eignet sich Grundwasser gut zur Trinkwassergewinnung. Denn meistens ist es durch die darüber liegenden Bodenschichten vor direkter Verschmutzung geschützt. Im Kabuler Stadtgebiet ist die Belastung durch Abfälle und unhygienisch entsorgte Exkremente jedoch derart hoch, dass große Mengen an Schadstoffen ins Grundwasser gelangen. Insbesondere handelt es sich dabei um Krankheitskeime, also Bakterien und Viren, aus Fäkalien. So wird oft ein fataler Kreislauf geschlossen, der als fäkal-orale Infektion bezeichnet wird. Infolge dessen brach zuletzt im Jahr 2005 in Kabul eine Cholera-Epidemie aus.
Viele Haushalte, vor allem in der ärmeren Bevölkerung, nutzen Trockentoiletten, bei denen Fäkalien und Urin getrennt werden. Die Toiletten sind immer mindestens einen halben Meter über dem Boden an der Außenwand eines Grundstücks angebracht. Unterhalb der Toiletten befindet sich ein Sammelbehälter, in den nur die Fäkalien gelangen. Der Urin wird abgeleitet und versickert direkt. Die Sammelbehälter verfügen über Klappen, die von der Straße aus geöffnet werden können. Traditionell wurden die Fäkalien nachts von den Landwirten abgeholt (daher der Name „night soil“) und auf die Felder verbracht.
Heutzutage ist das traditionelle Management leider lückenhaft oder vollständig zusammengebrochen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Fäkalien werden kaum noch abgeholt, da die Straßen Kabuls in der Dunkelheit zu unsicher geworden sind. Die landwirtschaftlichen Flächen schrumpfen im Zuge des ungebremsten städtischen Wachstums immer weiter. Stark gestiegene Grundstückspreise außerhalb der ehemaligen Stadtgrenzen veranlassen Bauern zum Verkauf ihres Landes. Somit sinkt auch die Nachfrage nach organischem Dünger. Die Stadt dagegen wächst – und das “Angebot“ an Fäkalien mit ihr.
Ein weiteres Problem sind defekte Anlagen, die nicht mehr repariert werden: Die Klappen der Sammelbehälter schließen oft nicht mehr richtig oder fehlen. Also gelangen die Exkremente auf die Straße. Teile davon versickern in den Untergrund und reichern so Krankheitskeime und Nitrat im Grundwasser weiter an.
Spültoiletten gibt es in Kabul erst seit kurzem. Eine große Nachfrage kommt aus der langsam wachsenden Mittel- und Oberschicht. Die momentane Verbreitung in den Haushalten wird auf circa 10 Prozent geschätzt. In den nächsten Jahren könnten es 30 Prozent sein.
Die Spültoiletten sind jedoch nach wie vor nur an einfache Sickergruben angeschlossen. Über sie wird das Abwasser in den Untergrund eingeleitet. Durch das versickernde Toilettenspülwasser bildet sich ein besonders schneller Verschmutzungspfad für Keime und Nährstoffe im Grundwasser aus. Aus der Sicht des Grundwasserschutzes stellen die Spültoiletten, die keine weitere Behandlung des Abwassers vorsehen, daher eine besonders große Gefahr dar.
Wie viele Menschen in den Armensiedlungen ganz ohne Toilette leben müssen, ist nicht bekannt. Ein Gang durch diese Viertel verdeutlicht die hygienischen Probleme und den dringenden Handlungsbedarf.
Diese fehlenden, defekten und unangepassten Sanitärsysteme führen zu einer drastischen Verschmutzung des Grundwassers. Von den zwischen 2003 und 2006 beprobten Kabuler Brunnen, 188 an der Zahl, waren 70 Prozent mit fäkalen Keimen verunreinigt. Die damit verbundenen Krankheiten führen zu einer hohen Kindersterblichkeitsrate. Von 1.000 Kleinkindern unter fünf Jahren sterben in Kabul 257 pro Jahr. Mehr als 250.000 Kleinkinder sterben in Afghanistan jedes Jahr an Durchfallerkrankungen.
Will man die sanitäre Situation in Kabul verbessern, darf man sich nicht von „Einheitslösungen für alle“ verleiten lassen. Die verschiedenen Bevölkerungsschichten verlangen nach angepassten Systemen. Das heißt: kostengünstig, einfach im täglichen Gebrauch für die ärmeren Bevölkerungsschichten; dezentrale und ressourcenschonende Systeme für Neubaugebiete. Die Wenigen, die es sich leisten können, sollten angepasste, allgemein verträgliche Lösungen in Anspruch nehmen können.
Für die 60 Prozent der Einwohner Kabuls, die in ungeplanten Hütten-Siedlungen leben, sind die Trenn-Trocknungs-Toiletten beispielsweise eine kostengünstige Lösung. Diese müssen mit verbessertem Urin-, Fäkalien- und Grauwassermanagement sowie Wiederverwendungsmöglichkeiten ausgestattet sein. Industrien sollten ihre Abwässer selbst klären und nach Möglichkeit in Recyclingsystemen wiederverwenden.
Eine einzig gültige Sanitärlösung für Kabul gibt es also nicht. Vielmehr bedarf es einem Bündel an unterschiedlichen Systemen, die auf die jeweilige lokale Situation optimal angepasst sind. Die verschiedenen existierenden Systeme müssen verbessert werden, um nachhaltig zu sein. Die Planung neuer Wohngebiete sollte nachhaltige sanitäre Ansätze berücksichtigen.
Dann könnten die Kinder in Kabul das Wasser aus ihren Brunnen trinken, ohne an lebensbedrohlichen fäkal-oralen Infektionen zu erkranken.
(Autorin: Andrea Wachtler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Referat Grundwasserbeschaffenheit und Grundwasserschutz, Hannover)
Sanitäre Grundversorgung – (Magazin zur Entwicklungspolitik)Bundesanstalt für Geowissenschaften BGRAfghanistan – Partnerland deutscher EntwicklungszusammenarbeitGerman Toilet Organization
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