Der einzige Baum, der von Bauer Nilsons Veranda im Herzen des brasilianischen Amazonasbeckens zu sehen ist, ist ein einsamer Paranussbaum. Rundherum grasen Rinder, soweit das Auge reicht.
Bauer Nilson wohnt in Brasiléia, einer Kleinstadt an der brasilianisch-bolivianischen Grenze. Die Paranussbäume dürfen nicht gefällt werden, meint Nilson, weil vom Nusssammeln viele Waldbewohner leben. Aber ohne den Wald tragen die Nussbäume ohnehin keine Früchte. Auf die Frage, warum er sie stehen lässt, zuckt Nilson mit den Achseln. Als Viehzüchter kann er mit Paranüssen nicht viel anfangen. Aber Gesetz ist eben Gesetz.
Nicht alle Gesetze werden in Amazonien so brav befolgt wie das Verbot, Paranussbäume abzuholzen. Mit seinen über fünf Millionen Quadratkilometern ist das brasilianische Amazonasbecken größer als Europa ohne Russland und die Ukraine. Bei einem Drittel dieser Fläche ist nicht klar, wem das Land gehört.
Die Regel ist: Wer in Amazonien Land erwerben will, rodet den Wald darauf. Landtitel können "ersessen" oder vor Gericht erstritten werden, wenn sich nachweisen lässt, dass das Land bewohnt und bebaut wird. Das geht am einfachsten, indem man wie Bauer Nilson den Wald abbrennt und einen Stacheldrahtzaun um das begehrte Land zieht.
Das Geschäft mit besetztem Land ist lukrativ in Amazonien. Dabei haben es Behörden und Gerichte nicht einfach, legitime Ansprüche von illegalen Landnahmen zu unterscheiden.
Mit knapp 100 Hektar Land ist Bauer Nilson nur ein kleiner Fisch. Land- und Umweltbehörden drücken in diesen Fällen regelmäßig beide Augen zu. "Wir sind dazu gezwungen, Prioritäten zu setzen", meint Roberto Scarpari. Er ist Direktor der Umweltbehörde in der Amazonasgemeinde Altamira, wo die "Land-Mafia" besonders aktiv ist. Die Herausforderungen für die Staatsgewalt, ein so riesiges und unzugängliches Gebiet zu kontrollieren, sind enorm.
Die Abholzung der Wälder verursacht ein Fünftel des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes. Ein großer Teil davon findet im Amazonasgebiet statt. Dort wird jeden Tag eine Waldfläche in der Größe von durchschnittlich 5.000 Fußballfeldern vernichtet. Ungeklärte Eigentumsrechte und mangelnde Präsenz des Staates tragen maßgeblich dazu bei.
Damit gehen auch die Lebensgrundlagen der Waldbewohner – Indianer, Kautschukzapfer und Paranusssammler - verloren. Und es werden die Lebensräume der abertausend Tier- und Pflanzenarten zerstört.
Zu den wirksamsten Mitteln gegen den Raubbau gehört das Einrichten von Naturschutzgebieten. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) berät das brasilianische Umweltprogramm "Arpa" im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bei diesem Vorhaben. Bis zum Kyoto-Jahr 2012 sollen über 50 Millionen Hektar Wald in Amazonien unter Schutz gestellt werden.
Effizienter Klimaschutz aber ist ohne den Kampf gegen Abholzung nicht denkbar. Und ein zentrales Element ist die Ausweisung und Konsolidierung von Schutzgebieten.
Der "Arpa"-Effekt entsteht dadurch, dass in Amazonien zunehmend rechtsfreie Räume verschwinden, in denen der Ressourcen-Raubbau hauptsächlich stattfindet.
Die Logik ist: Niemandsland wird zum Schutzgebiet erklärt. Dabei werden nicht nur die Schutzgebiete selbst dem Zugriff der "Land-Mafia" entzogen, sondern auch die Wälder dahinter, die tiefer im Amazonasbecken liegen. Deshalb sind die potenziellen Wirkungen der Schutzgebiete auch so hoch.
Neben der Weltbank, der Globalen Umweltfazilität (GEF) und der internationalen Umweltorganisation WWF unterstützt die Bundesregierung das Großprojekt "Arpa". Über die KfW-Entwicklungsbank werden alleine knapp 18 Millionen Euro bereitgestellt. Die GTZ berät die brasilianische Regierung im Auftrag des BMZ mit fünf Experten bei Planung, Kontrolle und Koordination des Projektes.
Nach Berechnungen brasilianischer Forscher können durch das Programm in den nächsten zehn Jahren bis zu 60.000 Quadratkilometer Wald vor der Vernichtung gerettet werden. Damit würden knapp 600 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart.
Schutzgebiete alleine werden das Entwaldungsproblem selbstverständlich nicht lösen können. Um die Waldzerstörung langfristig aufzuhalten, bedarf es mehr: der Klärung der Landrechte, der Stärkung der nationalen Kontrollbehörden und mehr Transparenz bei der Produktion von Rindfleisch, Soja und Tropenholz.
Aber diese Prozesse brauchen Zeit. Kurz- bis mittelfristig ist die Einrichtung und Stärkung von Schutzgebieten eine der schärfsten Waffen gegen die Abholzung in Amazonien. Sonst kann es passieren, dass irgendwann ganz Amazonien außerhalb der Schutzgebiete so aussieht, wie auf der Veranda von Bauer Nilson: Alleinstehende Paranussbäume, die keine Früchte mehr tragen.
(Autor: Johannes Scholl, Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit im brasilianischen Naturschutzprogramm Arpa)