Der Wissenschaftler Professor Günter Altner ist Biologe und Theologe. Er beleuchtet aus sozialethischer Sicht die Verantwortung des Nordens gegenüber dem Süden und den nachfolgenden Generationen.
"Die Erde ist nicht nur Ressource des Menschen. Sie ist ein "Treugut", das dem Menschen zu treuen Händen von Gott anvertraut ist.“ Anfang der Siebzigerjahre, mit Beginn der Umweltdiskussion über die Grenzen des Wachstums, wurde der Schöpfungsgedanke so von den Kirchen aktiviert und ökologisch ausgelegt.
Mit der historischen Weltkonferenz von Rio 1992 rückte der Begriff der Nachhaltigkeit, wie er durch die "Brundtlandkommission" initiiert wurde, in den Vordergrund und überdeckte das Schöpfungsthema: So zu leben und so zu handeln, dass die Bedürfnisbefriedigung der Heutigen nicht auf Kosten der kommenden Generation geht. Und dies unter Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern. Die Regenerationszyklen der irdischen Ökosysteme sind hier nur mittelbar – um des Menschen willen – als Lebensgarantie vorausgesetzt.
Mit dem Bewusstwerden der Klimakrise und der durch das immer stärkere Schwinden der Artenvielfalt ergibt sich eine neue Bewusstseinslage. In Ansehung der verschärften Bedrohungssituation für die betroffenen Länder auf der Südhalbkugel erweitert sich nun das sozialethische Konzept der globalen Umweltverantwortung um zwei programmatische Leitbegriffe: Umweltgerechtigkeit und internationales Überlebensrecht.
Beide Begriffe und die hinter ihnen stehenden Verpflichtungshorizonte setzen die Einsicht in den tieferen Wert der irdischen Lebensverhältnisse voraus.
Im Unterschied zur klassischen innergesellschaftlichen (nationalen) Sozialethik geht es heute um grenzüberschreitende Sozialbeziehungen. Und um einen Gerechtigkeitsbegriff, der auf den ganzen Lebensraum der Erde mit ihren Klimaverhältnissen abgestimmt ist. Das heißt zum Beispiel: international verpflichtende Regelungen zum Ausstoß von Klimagasen pro Kopf.
Solche Vereinbarungen können aber nur getroffen werden, wenn die internationalen Rechtsbestimmungen im globalen Überlebensraum verstärkt werden. Bislang scheiterten die internationalen Regelungen zum Klimaschutz am Fehlen einer solchen Rechtsverbindlichkeit.
Die gegenwärtigen Weltprobleme in der Klimakrise können nicht einfach durch Ingenieurskunst und Wirtschaftskorrekturen gelöst werden, zumal sich die internationale Finanzwelt mit ihren Mitteln gerade selbst schachmatt gesetzt hat.
Die gegenwärtige Globalisierungskritik greift sehr viel tiefer. Sie wird nicht zuletzt von religiös begründeten Menschen- und Naturbildern beeinflusst. Sie ist auf der Suche nach einer Überlebensweisheit, die die Zwänge zur Selbstzerstörung außer Kraft setzt. Dieser neue Geist artikuliert sich in vielen Initiativen und Zirkeln – interkonfessionell und interreligiös.
In der Klimakrise wird die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlergruppen, die die Zerreißung der ökosozialen Zivilisationsnetze mit interdispziplinären Methoden untersuchen, immer dringlicher. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist auf diesem Gebiet führend. In seinem letzten Gutachten zum Klimawandel (2007) empfiehlt er unter anderen: Die Umweltinstitutionen der Vereinten Nationen (UNEP) reformieren, internationale Klimapolitik weiterentwickeln, die Leitplanke „Zwei Grad Erwärmung“ unbedingt einhalten, Prävention durch Anpassungsstrategien für Entwicklungsländer, Migration kooperativ steuern, Internationales Recht erweitern, Frühwarnsysteme.
Ein zukunftsweisendes Dokument in diesem Kontext ist die „Erdcharta“, die von christlichen und nichtchristlichen Initiativen und Persönlichkeiten initiiert wurde. Auf der Weltkonferenz in Rio (1992) wurde sie das erste Mal angedacht und im Jahr 2000 veröffentlicht:
"Wir müssen uns zusammentun, um eine nachhaltige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Achtung gegenüber der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gründet. Auf dem Weg dorthin ist es unabdingbar, dass wir, die Völker der Erde, Verantwortung übernehmen füreinander, für die größere Gemeinschaft allen Lebens und für zukünftige Generationen.
Der Geist menschlicher Solidarität und die Einsicht in die Verwandtschaft alles Lebendigen werden gestärkt, wenn wir in Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Seins, in Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens und die Bescheidenheit hinsichtlich des Platzes der Menschen in der Natur leben.“
Die Erdcharta fasst alle wichtigen Handlungsfelder im Spannungsfeld zwischen Nord und Süd zusammen, aber auch im Verhältnis von Menschen und Natur. Vor allem ermutigt sie zu einer Öffnung des menschlichen Bewusstseins (Ehrfurcht, Dankbarkeit, Solidarität). Und sie strebt die Zusammenarbeit mit problembewusster Wissenschaft an, die in den ökosozialen Krisenhorizonten der Gegenwart arbeitet.
Die christlichen Kirchen beweisen ihre Glaubwürdigkeit nicht zuletzt darin, dass sie mit ihren Hilfswerken und Katastrophendiensten vor Ort im Süden arbeiten und so Vorboten einer Kultur des Friedens sind.
Die menschliche Gesellschaft steht heute vor einer beispiellosen Ausweitung ihrer Verantwortungshorizonte. Auch deshalb sollte der Begriff der Umweltgerechtigkeit unbedingt zu einem weltgesellschaftlichen Leitbegriff werden.
(Autor: Professor Günter Altner, Wissenschaftlicher Beirat des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft, Berlin)