Klimawandel und Katastrophenvorsorge

Der Klimawandel verlangt neue Anstrengungen

Der Klimawandel verändert die gesamte humanitäre Hilfe. Das ist auch im Auswärtigen Amt, insbesondere für den Arbeitsstab Humanitäre Hilfe, spürbar. Ursula Müller, die Leiterin des Arbeitsstabes, erläutert für das Magazin zur Entwicklungspolitik die Problematik und beschreibt die Arbeit ihres Stabes.

Zahl und Ausmaß von Naturkatastrophen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, auch infolge des Klimawandels. Das Sekretariat der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten OCHA hat 2007 als ein Rekordjahr für Geberaufrufe nach großen Naturkatastrophen bezeichnet.

Diese Steigerung von Naturkatastrophen betrifft sowohl Industriestaaten als auch Entwicklungsländer. Wir alle erinnern uns an die Bilder von den Waldbränden in Griechenland, Italien und Mazedonien im vergangenen Sommer oder an die Überschwemmungen in Großbritannien. Ebenso an die Bilder des Erdbebens in Peru oder die massiven Überschwemmungen in 14 afrikanischen Staaten im Juli letzten Jahres. Auch die Bilder der Fluten im November 2007, die vor allem auch in Bangladesch zahlreiche Opfer gefordert und großen Schaden angerichtet haben, sind noch gut in Erinnerung.

Arme Länder besonders betroffen

Gerade Entwicklungsländer werden in vielen Fällen nicht unerwartet, aber oft ohne ausreichende Vorbereitung auf die zunehmende Zahl und Intensität von Naturkatastrophen getroffen. Diese Auswirkungen des Klimawandels verlangen von uns allen neue Anstrengungen. Insbesondere stellt sich immer dringender die Frage, was wir dazu beitragen können, um im Vorfeld Opfer und Schäden zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund nehmen wir im Auswärtigen Amt die Katastrophenvorsorge als einen zentralen Förderschwerpunkt im Rahmen der humanitären Hilfe wahr.

Die Dimension und die Risiken des Klimawandels unterstreichen die Notwendigkeit für diese Strategie, die Teil der Lösungsansätze auf globaler und regionaler Ebene ist. Denn natürlich gehen die Auswirkungen des Klimawandels weit über die humanitäre Hilfe hinaus.

1. Nahrungsmittelmangel durch Klimawandel

Weltweit ist zu erwarten, dass die Nahrungsmittelproduktion durch den Klimawandel auf verschiedene Weise betroffen sein wird. Wissenschaftler rechnen mit einem erheblichen Rückgang der Getreideproduktion infolge der Erderwärmung.

Der größte Anstieg in der Nachfrage nach Nahrungsmitteln geht derzeit vom Indischen Subkontinent und Subsahara Afrika aus. Das sind Regionen, die bereits jetzt unter Nahrungsmittelknappheit leiden. In den kommenden Jahrzehnten werden gerade für diese Regionen ein weiterer Anstieg der Temperaturen und zunehmende Wasserknappheit erwartet.

Eine weitere Herausforderung bilden Missernten durch Dürre. In immer kürzeren Zyklen werden zahlreiche Regionen von Dürreperioden betroffen sein. Auch hier kann der Klimawandel zu einer weiteren Verschlechterung beitragen.

Nicht zuletzt ist die Frage des Zugangs zu lebensnotwendigen Gütern, vor allem zu Nahrungsmitteln und Wasser, zentral und in vielen Regionen ein Problem. Durch den Klimawandel könnte die Frage des Zugangs weiter verschärft werden.

Zukünftig prognostizieren Wissenschaftler einen Anstieg an Ernährungskrisen. Schon jetzt gelten die Flächenreserven für die Landwirtschaft in Südasien und Nordafrika als aufgebraucht.

2. Wasserknappheit

Von der Nahrungsmittelproduktion ist der Faktor Wasser nicht zu trennen. Trinkwasser ist lebensnotwendig, auch unter dem Aspekt der Hygiene und der Bewässerung von Anbauflächen.

Bereits heute haben rund eine Milliarde Menschen keinen sicheren Trinkwasserzugang. 40 Prozent der Weltbevölkerung bezieht die Hälfte ihres Trinkwassers aus der Sommerschmelze von Gletschern. Veränderungen beim Niederschlag, Schneefall und der Gletscherschmelze haben weit reichende Auswirkungen auf die Frischwasserversorgung. Der Klimawandel betrifft alle diese Bereiche.

Bis 2020 wird erwartet, dass bis zu 250 Millionen Afrikaner unter Wasserknappheit leiden. Massive Auswirkungen zeichnen sich aber auch für andere Kontinente ab.

3. Anstieg des Meeresspiegels und Überschwemmungen

Insgesamt leben etwa Zweidrittel der Weltbevölkerung in Küstenregionen. Im vergangenen Jahr erlebte Afrika die schwersten Überschwemmungen seit 30 Jahren.

Überschwemmungen zählen zu den häufigsten Naturkatastrophen. Sie sind oftmals von Folgeerscheinungen, wie Erdrutschen, begleitet. Welche Auswirkungen die Zunahme schwerer Stürme und Fluten und insbesondere auch der Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels haben kann, zeigen Bangladesch, Nigeria und Mosambik besonders deutlich.

Landverlust durch Anstieg des Meeresspiegels, Fluten und andere extreme Naturereignisse bedeutet dabei nicht nur Verlust von Lebensraum, Ackerfläche und Infrastruktur. Er bedeutet insbesondere auch hohen Druck zum Ausweichen und zur Umsiedlung großer Bevölkerungsteile.

4. Klimawandel und umweltbedingte Migration

Bis 2050 könnte die Zahl der Umweltflüchtlinge, zu denen heute Zahlen von 25 Millionen genannt werden, auf 200 Millionen ansteigen. Entsprechende Migrationsströme können in den Transit- oder Zielgebieten bestehende Krisen weiter verstärken.

Der Bedarf an humanitärer Hilfe durch Knappheit von Nahrung, Wasser und Lebensraum ist besonders dort akut, wo Regierungen nicht in der Lage sind,

  • auf die veränderten Umweltbedingungen zu reagieren,
  • die Bevölkerung so weit wie möglich zu schützen und
  • eine ausreichende Versorgung sicherzustellen.

Dies trifft besonders auf viele Entwicklungsländer und Staaten in fragilen Situationen zu.

Umfassende Ansätze erforderlich

Um dem Klimawandel und seinen komplexen Auswirkungen begegnen zu können, brauchen wir umfassende Ansätze. So in den Politikbereichen Klima und Umwelt, Energie, Entwicklung und Migration, Sicherheit und Wirtschaft. Wir benötigen Lösungsansätze auf globaler und regionaler Ebene.

Die Bundesregierung stellt sich dieser Verantwortung. Sie hat die internationale Klima- und Energiepolitik ins Zentrum ihrer EU- und G8 Präsidentschaften 2007 gestellt. Von Heiligendamm ging ein starkes politisches Signal aus: Das Ziel, die Treibhausgase zu reduzieren, genauer gesagt bis 2050 mindestens zu halbieren, ist akzeptiert.

Und vielleicht noch wichtiger: Die G8 wollen den konkreten Verhandlungsprozess unter dem Dach der Vereinten Nationen führen. Sie wollen einen umfassenden Klimaschutz auch für die Zeit nach 2012 (nach dem Kyoto-Prozess) vereinbaren.

Dennoch haben die schwierigen Verhandlungen auf Bali gezeigt, dass durchaus nicht sicher ist, ob unsere Anstrengungen gelingen. Es besteht die Möglichkeit, dass angestoßene Prozesse scheitern. Daher bleibt es eine Herausforderung, sich auf die Folgen des Klimawandels einzustellen und damit umzugehen. Genau in diesem Feld setzt die Katastrophenvorsorge an.

Die Gesellschaft einbinden

Katastrophenvorsorge braucht nicht nur politischen Handlungswillen, sondern auch öffentliche Aufmerksamkeit und Bewusstseinsbildung. Und nicht zuletzt konkrete Maßnahmen.

Das Auswärtige Amt setzt hierzu auf verschiedenen Ebenen an. Wir nutzen unsere Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, um den Bereich der Katastrophenvorsorge zu stärken. Der Hyogo Framework of Action und der damit verbundene internationale Dialog zur Katastrophenreduzierung bieten hierfür den konzeptionellen Rahmen. Wir verfolgen eine enge Zusammenarbeit mit der Internationalen Strategie für Katastrophenreduzierung (ISDR) und ihrer separaten Plattform für Frühwarnung in Bonn.

Im Januar 2005 hat die Weltgemeinschaft auf der zweiten Konferenz der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Katastrophen in Kobe, Japan, einen gemeinsamen Rahmenaktionsplan verabschiedet (Hyogo Framework for Action).

Der Arbeitsstab Humanitäre Hilfe hatte ferner die Katastrophenvorsorge zu einem Schwerpunktthema unserer EU-Ratspräsidentschaft 2007 gewählt. In enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Komitee für Katastrophenvorsorge und den europäischen Partnern haben wir eine Studie erstellt. Sie gibt Auskunft über die wichtigsten Grunddaten der Mitgliedsstaaten im Bereich der Katastrophenvorsorge. Zudem haben wir ein gemeinsames Positionspapier der Bundesregierung zur Katastrophenvorsorge erreicht.

Enge Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen

Neben der Stärkung dieser politischen Prozesse verfolgen wir die Realisierung konkreter Maßnahmen. Wir nehmen die Katastrophenvorsorge als einen Förderschwerpunkt unserer humanitären Hilfe wahr und planen dazu jährlich fünf bis zehn Prozent unserer Haushaltsmittel ein. Unsere Zusammenarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen (NGO) schätzen wir dabei sehr.

Im Einklang mit dem Positionspapier der Bundesregierung haben wir dazu im vergangenen Jahr Leitlinien zur Förderung von Projekten der Katastrophenvorsorge im Ausland entwickelt. Sie geben einen Anhaltspunkt, in welchen Feldern wir die NGOs unterstützen können.

Die Förderung durch das Auswärtige Amt zielt auf Projekte im Ausland, soweit sie nicht als Querschnittsaufgaben im Rahmen der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit finanziert werden.

Wir konzentrieren uns auf die Katastrophenfrühwarnung und Pilotprojekte. So haben wir die Einrichtung und den Einsatz von Frühwarnsystemen in der Wetterforschung als Schutz vor drohenden Tropenstürmen und in der Seismologie für Erd- und Seebeben unterstützt. Auch die Tsunami-Forschung wird vom Auswärtigen Amt  gefördert.

Netzwerke schaffen

Wichtig ist uns zudem die Bildung nationaler und länderübergreifender Netzwerke und Strukturen zur Verhinderung von Katastrophen. Besondere Aufmerksamkeit schenken wir auch der Zusammenarbeit auf regionaler Ebene und der Stärkung von Regionalorganisationen.

Unsere Projekte sollen vor allem in besonders gefährdeten Gebieten ärmerer Länder durchgeführt werden. Dort, wo ein hohes Katastrophenrisiko besteht und die Katastrophenvorsorge und das Management signifikante Lücken aufweisen. Es ist uns wichtig, dass die lokalen Behörden und die Bevölkerung kontinuierlich in die Maßnahmen der Katastrophenvorsorge eingebunden werden.

Wir fördern vor allem kurz- und mittelfristige Projekte. Die Projektlaufzeit beträgt in der Regel wenige Monate bis maximal zwei Jahre.

Küstenregionen besonders bedroht

2008 wollen wir einen besonderen Schwerpunkt auf die Katastrophenvorsorge in gefährdeten Küstenregionen legen. Sturmfluten und Wirbelstürme in Küstennähe bedrohen zunehmend die Lebensgrundlagen und –räume von Millionen von Menschen. Nach Schätzungen des World Wildlife Fund for Nature (WWF) sind 100 Millionen Menschen gefährdet, ihre Heimat in Küstennähe zu verlieren.

Die Öffentlichkeit und die Medien für Katastrophenvorsorge zu gewinnen und Bewusstseinsbildung voranzubringen, ist daher eine besonders fordernde Aufgabe. Umso mehr gilt es, alle Ressourcen und alle Foren zu nutzen, um dieses Feld zu stärken. Denn Katastrophenvorsorge hilft Leben und Lebensgrundlagen zu retten und menschliches Leid zu verhindern.

(Autorin: Ursula Müller, Auswärtiges Amt, Leiterin Arbeitsstab Humanitäre Hilfe)

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