Sie gehören nicht nur zu den grausamsten, sondern auch zu den heimtückischsten und billigsten Waffen. Sie schlummern unsichtbar in der Erde. Sie unterscheiden weder zwischen Freund und Feind noch zwischen Soldat und Kind. Die Rede ist von Landminen. Die Opfer, die überleben, leiden ein Leben lang an ihren Verstümmelungen.
Die Verlegung ganzer Minenfelder dauert nur wenige Minuten. Ihre Beseitigung aber ist hoch gefährlich, teuer und sehr zeitaufwändig.
Schätzungen zufolge liegen in circa 60 Ländern über 60 Millionen Minen in der Erde verborgen. Mit dieser gefährlichen Erblast können die Länder der so genannten "Dritten Welt" alleine nicht fertig werden. Die Minengefahr behindert ihre Entwicklung in vielen Bereichen.
Einige deutsche "Unruheständler" ließ diese Tatsache nicht ruhen, allen voran Heinz Rath. Der 72jährige frühere leitende Entwicklungsingenieur ist ein leidenschaftlicher Tüftler. Er gilt als Vater der Hochleistungsscheibenbremse, was ihm das Bundesverdienstkreuz einbrachte.
Er und seine Mitstreiter - oder besser gesagt "Minenwölfe" - stellen ihren beruflichen Erfahrungsschatz und ihre technischen Fähigkeiten in den Dienst des Friedens. Regelmäßig treffen sie sich im Technologie- und Gründerzentrum Koblenz: pensionierte Beamte, Angestellte, Offiziere und Ingenieure. Im Visier haben sie die 40 Minensorten, deren Eigenschaften und Innenleben sie genau studiert haben.
Innerhalb von fünf Jahren stellten sie ein neuartiges Minenräumgerät auf die Beine. Es sollte Millionen verlegter Minen den garantierten Garaus machen – möglichst gefahrlos für den Menschen, schnell und kostengünstig. Das Gerät, das auch Panzerminen zerstören kann, tauften sie "MineWolf".
Die Idee, das Thema Minen anzupacken, kam Rath, als er Filmberichte von Lady Diana sah. Die Prinzessin von Wales setzte sich damals prominent für die Ächtung von Minen ein. "Ich begann, Informationen über Minen zu sammeln, nach Lösungen zu suchen und fand dabei Verbündete, die etwas von der heimtückischen Gefahr verstanden", sagt Rath.
Zunächst studierte Rath alles, was er über Minen und ihre mechanische Beseitigung fand. "Bei Informationsreisen nach Herzegowina und Mosambik lernte ich zwei Technologien mechanischen Minenräumens kennen: Zum einen die Fräsmethode, die mit Meißeln den Boden durchwühlt und dabei die Minen zerstört oder zur Explosion bringt. Zum anderen die Schlegeltechnologie, wobei rotierende Ketten auf den Boden schlagen - mit dem gleichen Ziel.“
Als Ingenieur erkannte Rath schnell, dass diese Entwicklung an ihre Grenzen gestoßen war. Die Maschinen waren einfach viel zu groß, zu schwer und zu teuer geworden. Zuletzt hatten sie die Ausmaße eines ausgewachsenen Panzers erreicht.
"Viele minenverseuchte Länder haben aber sehr schlechte Transportwege, wie beispielsweise Mosambik oder Angola. Dort findet man Behelfsbrücken vor, über die kein schwerer Panzer fahren kann."
Deshalb sollte Raths Maschine kleiner und leichter sein, aber trotzdem den gewaltigen Explosionskräften Stand halten können. Sie sollte geländetauglich und mobil sein sowie eine robuste Technik besitzen. Jeder halbwegs ausgebildete Mechaniker in Entwicklungsländern sollte sie führen und reparieren können.
Auf seiner Suche nach Partnern landete Rath in Herdwangen am Bodensee "einen Glückstreffer", wie er heute noch sagt. Es ist die deutsche Firma AHWI, die landwirtschaftliche Geräte herstellt. Die Schwaben haben sich mit ihren Häxlerfahrzeugen und Mulchfräsen bereits auf den großen Plantagen in Übersee einen Namen gemacht. In einem Projekt des Bundesforschungsministeriums in Brasilien stellten sie ihr technisches Know-how gegen das Abbrennen des Regenwaldes unter Beweis. Ihre Häxlermaschinen hinterlassen fruchtbaren Mulchboden statt verbrannter Erde.
Rath konnte Firmenchef Arthur Willibald schnell für seine humanitäre Idee begeistern. AHWI entwickelte zunächst auf eigene Kosten eine Fräse nach Raths Vorgaben. Heraus kam eine neuartige Fräse mit einer offenen Konstruktion. Das Prinzip: Der gewaltige Explosionsdruck einer ausgelösten Mine kann einfach und schnell durch die Fräse hindurch entweichen. Die vielen Öffnungen zwischen den Meißeln haben sich als einfaches, aber geniales Prinzip bewährt, sodass es keine oder kaum nennenswerte Beschädigungen gibt. Rath fügt hinzu: "Frühere Modelle bestanden aus geschlossenen Trommeln, die durch Panzerminen zerstört wurden.“
AHWI konnte zu der Fräse auch ein ausgereiftes 400 PS starkes Trägerfahrzeug anbieten. Für Rath stand fest: AHWI baut den MineWolf und seine Module. Fräse oder Schlegel werden, je nach Minenlage, ganz einfach an das Fahrzeug angeflanscht. Ähnlich macht es ein Bauer mit seinem Traktor, indem er seine Bearbeitungsgeräte an die Antriebsmechanik ankoppelt. Nebeneffekt: Nach der Erdbearbeitung mit der Fräse (bis 30 Zentimeter Tiefe), kann die Fläche gleich nach Freigabe von den Bauern bearbeitet werden.
Um Maschine und Module in Serie bauen zu können, mussten sie jedoch von kompetenter Hand getestet werden. Für die Minenwölfe war klar: Erste Adresse ist die Bundeswehr. Rath: "Ohne die Bundeswehr gäbe es heute keinen MineWolf. Sie hat durch viele Detonations- und Effektivitätstests mit unterschiedlich scharfen Minen die volle Tauglichkeit unseres Konzepts bescheinigt und amtlich dokumentiert."
"Auch das Auswärtige Amt hat uns bisher beispielhaft unterstützt," sagt Rath. Beim Mine-Action-Center in Sarajevo werden die Lizenzen zum Räumen von Minen vergeben. Der MineWolf konnte dort von 15 getesteten Geräten das beste Ergebnis erzielen. Somit erwarb er die Lizenz für Minenräum-Einsätze im Kriegsgebiet des ehemaligen Jugoslawien. "Ich bin dem Auswärtigen Amt sehr dankbar, dass es damals diesen Test ermöglicht und finanziert hat“, so Rath.
Bislang wurde der MineWolf auf dem Balkan, im Sudan und in Jordanien eingesetzt. Demnächst soll er helfen, Angola und Ruanda minenfrei zu machen. Auftraggeber sind meist Nichtregierungsorganisationen, das Auswärtige Amt, die Vereinten Nationen oder Regierungen anderer Staaten.
Vor zweieinhalb Jahren gaben die Koblenzer Minenwölfe ihre Entwicklung MineWolf ab. Die MineWolf Systems AG mit jungem Management war nun für die Vermarktung zuständig. Gebaut wird der MineWolf nach wie vor von der Firma AHWI. "Die Lizenzgebühr fließt in einen Topf für humanitäre Zwecke, so wie es die Minenwölfe von Anfang an wollten“, so Rath.
Nachdem man die Entwicklung an die Minewolf Systems übergeben hatte, bekam der MineWolf nochmals Nachwuchs: Zusätzlich wurde ein unbemannter ferngesteuerter Mini-MineWolf für besondere Zwecke entwickelt.
Eigentlich schien die Aufgabe für die pensionierten Minenwölfe damit erledigt. Nicht jedoch für Heinz Rath. Sein Erfindergeist lässt ihn nicht ruhen. Er beobachtet die Entwicklung in der Minenräumszene sehr genau und reist immer noch viel umher.
Rath: "Ich will, dass die deutsche Minenräum-Spitzentechnik weiter an der Spitze bleibt.“ Seine neueste Entwicklung ist ein noch leichterer und wesentlich kostengünstigerer Minewolf, der die Minenräumkosten stark reduziert. Er soll das deutsche MineWolf-Angebot ergänzen. Neben der Kette, die weiterhin unverzichtbar ist, soll es nun auch ein Radträger-Fahrzeug geben.
Seine Idee, die zwar noch auf dem Papier steht, nimmt mehr und mehr Gestalt an. Als Basis dient ein ausgewachsener moderner Hightech-Traktor, der es in sich hat. Er hat Allrad-Antrieb, und die Module können sowohl vorne als auch hinten angeflanscht werden.
Der neue "Mobil-MineWolf“ auf Rädern, so wollen wir ihn einmal nennen, hat - ebenso wie seine großen Brüder auf Kette - den Vorteil: Er kann als landwirtschaftliches Fahrzeug und für andere Arbeiten eingesetzt zu werden. Rath: "Nur ist er leichter, schneller, wendiger, leicht zu fahren und vor allen Dingen billiger. Er kommt ohne Tieflader aus und kann mit seinen großen Rädern auch die schlechtesten Pisten in Entwicklungsländern überwinden. Natürlich hat er Spezialreifen, die Sprengkräfte aushalten können.“
Rath möchte, dass der Mobil-MineWolf als Hilfe zur Selbsthilfe in die Einsatzländer geht. Dort soll das Gerät auch nach der Entminung als unermüdlicher Helfer verbleiben. Kurz: Die Einsatzländer sollen mit eigenen Leuten nach entsprechender Ausbildung selbst entminen und aus seiner Neuentwicklung auch einen Acker- oder Straßenbauwolf machen können.
"Genau so sieht es auch das Auswärtige Amt beim Humanitären Minenräumen“, erklärt Rath. Man gibt Hilfe zur Selbsthilfe. Durch Ausbildung und finanzielle Zuwendungen wird die Basis für eigenverantwortliches Handeln beim Minenräumen geschaffen. Zudem schafft man für viele Menschen und ihre Familien ein gesichertes Einkommen und sensibilisiert die lokale Gesellschaft. "Hier wird nicht nur der humanitäre, sondern auch der entwicklungspolitische Charakter deutlich sichtbar“, hebt er hervor.
Rath hofft, dass die MineWolf Systems ihm dabei helfen wird. Er ist auf jeden Fall entschlossen, seine Radträgerfahrzeug-Idee umzusetzen. Der Minenwolf von Vallendar ist zuversichtlich: "Mein pensioniertes Wolfsrudel und ich heulen unermüdlich für die gute Sache weiter“, sagt er abschließend verschmitzt.