Landminen

Minenräumen in Kambodscha

Peter Willers ist Minenspezialist. In Kambodscha leitet er ein humanitäres Minenräumungs-Programm, das vom Auswärtigen Amt unterstützt wird. Für das "Magazin zur Entwicklungspolitik" erklärt er, welchen Gefahren die Menschen in Kambodscha ausgesetzt sind und was es bedeutet, ein Minenräumer zu sein.

Pieptöne bedeuten Gefahr

Vorsichtig schneidet der Minenräumer in einem austrassierten Korridor Büsche und Gras nieder und räumt sie beiseite. Dann kommt sein Kamerad mit dem Detektor und prüft, ob er ein Signal hat. Dazu führt er den Teller seines Arbeitsgerätes knapp über den Boden. Die geringen Metallteile in den Minen sind nur bis etwa 15 cm zu orten. Tiefer sind die Minen in aller Regel auch nicht im Boden, also reicht das aus. Hört er einen Piepton, lokalisiert er ihn, soweit das möglich ist, und beginnt dann, die Ursache des Tons zu suchen.

Vorsichtig beginnt er, mit einer Sonde in den Boden zu stechen. Sobald er auf einen festen Gegenstand stößt, gräbt er mit einer kleinen Schaufel und nimmt am Ende sogar einen Pinsel zu Hilfe. Er darf auf keinen Fall Druck auf den Boden ausüben, denn dann würde die Mine reagieren und explodieren. Häufig kommt es vor, dass er keinen größeren Gegenstand findet. Der Verschluss einer Getränkebüchse genügt, um den Piepton zu verursachen. Meist sind es Patronenhülsen, die in den ehemalig umkämpften Gebieten liegen.

Minenräumen ist immer eine gefährliche Arbeit. Wo mit Waffen und Munition gearbeitet wird, ist ein Unfall trotz aller Sorgfalt letztlich nicht ganz auszuschließen. Jeder Mensch, der arbeitet, macht Fehler. Die Konsequenzen sind jedoch sehr unterschiedlich. Wenn ein Minenräumer oder Feuerwerker einen Fehler macht, dann verliert er ein Bein, eine Hand oder sogar sein Leben.

Minenräumen ist hier im Dschungel ein harter Broterwerb - nicht nur wegen der Gefahren, zu denen auch Begegnungen mit giftigen Schlangen zählen. Gegen den Biss der Grubenotter beispielsweise gibt es kein Antiserum, da das Gift geografisch sehr verschieden ist. Hinzu kommt: Die umfangreiche, schwere Schutzbekleidung macht die Konzentration bei der schwül-heißen Luft nicht leicht.

Der dichteste Minengürtel der Welt

Die Minenräumer in Kambodscha suchen und beseitigen die schrecklichen Hinterlassenschaften von 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Diese Konflikte waren stets von umfangreichem Minenlegen begleitet. In einer Studie von 2002 hat man festgestellt, dass im Land 46 Prozent der Dörfer und 4.400 Quadratkilometer vermint sind.

Eine “besondere Leistung" auf diesem Gebiet vollbrachten in den Achtzigerjahren die Vietnamesen. Sie hielten das Land zehn Jahre lang besetzt und verminten die 700 Kilometer lange Grenze zu Thailand mit dem so genannten "Bambusvorhang". 100.000 Menschen verlegten pro Kilometer 1.000 bis 3.000 Minen. Dies ist sicherlich der dichteste Minengürtel - nicht nur in Kambodscha, sondern auf der Welt.

Zwar ist heute die Masse der im Landesinneren verlegten Minen geräumt, dennoch gibt es neben der Grenze immer noch einige stark verminte Flächen. 

Sprengkraft in den falschen Händen

Die Minen wurden in den vergangenen Jahren nicht nur von professionellen Minenräumgesellschaften aufgenommen. Viele Flächen wurden teils durch Soldaten, teils durch lokale Minenräumer entmint.

Neben der Rückgewinnung von landwirschaftlichen Flächen hatte die Entminung anfangs oft den Sinn, Sprengmaterial zu bekommen. Die Minen wurden für Arbeiten in Steinbrüchen genutzt oder für den Fischfang - was eine Katastrophe war, weil dadurch die Fischbrut zerstört wurde. Dabei wurde ohne Methode und die notwendigen Mittel gearbeitet. Minen wurden liegen gelassen, und es kam zu vielen Unfällen.

Noch immer verursachen diese "vergessenen" Minen Unfälle. Vor allem aber behindern sie die Entwicklung der Infrastruktur im Lande. Oft bitten internationale Organisationen um eine "förmliche Entminung", bevor sie ihre Arbeiten beginnen.

Kambodscha hat die meisten Minen-Amputierten der Welt

Ein großes Problem neben den Minen sind Blindgänger. Man kann davon ausgehen, dass etwa 30 Prozent der verschossenen Artillerie-, Panzer- und Mörsermunition, aber auch Handgranaten und Gewehrgranaten nicht explodieren. Dasselbe trifft für Fliegerbomben zu. Die USA haben allein während des Vietnamkrieges etwa 2,8 Millionen Tonnen Bomben über Kambodscha abgeworfen.

Durch Blindgänger werden in Kambodscha mehr Menschen getötet als durch Minen. Die meisten Unfälle geschehen übrigens, weil Blindgänger gesammelt, auseinander montiert und als Schrott verkauft werden. Blindgängerunfälle sind also in erster Linie ein Problem der Armut.

Wir haben deshalb in unserem Räumverband zwei Feuerwerkergruppen (EOD Teams). Sie arbeiten mit der Polizei und dem Militär, aber auch mit Schrotthändlern zusammen. Sie helfen, Unfälle zu vermeiden. Pro Monat vernichten diese Teams etwa 600 Blindgänger.

Zu den uns zugewiesenen zwei Provinzen gehört eine Grenzprovinz und die Provinzhauptstadt Siem Reap. Hier liegen auch die weltberühmten Tempel von Angkor Wat, die bereits weiträumig von Minen befreit wurden – dank deutscher Hilfe. Im Urwald warten noch weitere interessante Tempel auf archäologische Arbeit und ihre Entdeckung durch Touristen.

Das Minenproblem in Kambodscha ist groß, aber nicht so hoffnungslos, wie es oft dargestellt wird. Der Frieden ist stabil. Einmal geräumt, ist die Gefahr gebannt. Das belegen auch die rückgängigen Unfallzahlen.

Durch die Mittel zur humanitären Minenräumung des Auswärtigen Amtes konnten wir mit unseren 300 Minenräumern viel erreichen. Wir hoffen, dass wir mit finanzieller Unterstützung weiter die so dringend benötigten Landflächen räumen und bei wichtigen Infrastrukturmaßnahmen helfen können.

(Autor: Peter Willers, Projektmanager Minenräumen, Kambodscha)

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