2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu menschenwürdigen Toiletten. Bei der Bekämpfung von sanitären Krisen setzt die Bundesregierung zunehmend auf ökologisch nachhaltige Konzepte, so beispielsweise in Sub-Sahara-Afrika.
In der Region südlich der Sahara müssen 63 Prozent der Bevölkerung, also über 460 Millionen Menschen, ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen leben. Eine schlechte Abwasserpolitik kostet Afrika nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) jährlich etwa 28 Milliarden US-Dollar. Das sind umgerechnet knapp fünf Prozent seiner Wirtschaftskraft – weil Menschen an verseuchtem Wasser erkranken, verarmen und statt Einkommen Gesundheitskosten anfallen.
Manfred Konukiewitz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gibt zu bedenken: "Ich meine, dass wir, soweit es in unserer Hand liegt, die entsprechenden Schritte getan haben. Aber damit steht noch nicht hinter jeder Hütte eine Latrine."
Auch die deutschen Aktivitäten müssten finanziell aufgestockt und beschleunigt werden. Denn besonders in den Städten spitzen sich die Auswirkungen der mangelnden sanitären Grundversorgung zu. Nach aktuellen Schätzungen werden 2030 fünf Milliarden der dann acht Milliarden Menschen in Städten leben und sich die Slums damit explosionsartig ausdehnen.
Verschärfend wirkt sich aus, dass nur "1,5 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Entwicklungsländern in Abwassersysteme investiert werden. Das ist zu wenig", so Konukiewitz. Dieses vernachlässigte "Kernproblem" gelte es, energischer anzugehen.
Das derzeitige Engagement Deutschlands im Bereich Wasser und Abwasser beläuft sich auf ein Volumen von insgesamt fünf Milliarden Euro. Davon wurden im vergangenen Jahr 350 Millionen Euro für bilaterale Projekte ausgegeben. 30 Prozent dieser Summe, etwa 105 Millionen Euro, flossen in Sanitärversorgung, unter anderem in den Bau von Abwasseranlagen und Toiletten, in Hygiene- und Ausbildungsprogramme. Der größte Anteil, 42 Millionen Euro, ging nach Afrika. Hier soll speziell die Situation der armen und der extrem armen Bevölkerung verbessert werden, heißt es aus dem BMZ.
Mit der praktischen Durchführung, Untersuchung und Finanzierung entwicklungspolitischer Maßnahmen hat das Ministerium verschiedene Durchführungsorganisationen beauftragt. So etwa die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).
Deutsche Expertinnen und Experten sind weltweit in 29 Ländern im Einsatz. Sie versuchen auf unterschiedliche Weise, die sanitäre Krise zu entschärfen: Weil ein Drittel der Weltbevölkerung keine oder nur unzureichende Toiletten hat, müssen die Menschen ihre Notdurft im Freien verrichten. Des Weiteren in Eimern, in Plastiktüten, die weggeworfen werden (flying bags), in Latrinen oder in Gemeinschaftsplumsklos.
Da es keine adäquate Entsorgung oder Weiterverarbeitung der Fäkalien gibt, sickern sie als chemisch und bakteriell hoch belastete Stoffe ins Grundwasser, in Flüsse und Seen.
Die bakteriologische Fracht könnte abgebaut werden. Dieser Prozess dauert allerdings mindestens 50 Tage und braucht verschiedene reinigende Erdschichten. Das sind Voraussetzungen, die in Slumgebieten und in Siedlungen an offenen Gewässern oft nicht gegeben sind. So können Bakterien Cholera, Diphterie und tödliche Durchfallerkrankungen auslösen. Sie dienen außerdem als Wirte für Viren, die wiederum beispielsweise Hepatitis A und B hervorrufen.
Reichere Bevölkerungsschichten decken ihren Trinkwasserbedarf in der Regel mit abgefülltem Wasser aus sauberen Quellen. Arme Menschen versorgen sich dagegen oft aus selbst gegrabenen Grundwasserbrunnen, die oft von Exkrementen verseucht sind.
Die Abwasserproblematik betrifft verschiedene Bereiche der Entwicklungspolitik. Deswegen gebe es keinen einzelnen Tätigkeitsschwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) zu diesem Thema, unterstreicht Christine Werner, Mitarbeiterin der GTZ. So unterschiedlich die Herausforderungen seien, so vielfältig müsse in der praktischen Arbeit darauf eingegangen werden – bei der Stadtentwicklung, bei der Arbeit in Slums, beim Wassermanagement, bei Programmen auf dem Land oder in Energieprojekten.
"Es gibt nicht die eine selig machende Lösung, sondern verschiedene technische Konzepte, die für verschiedene Anforderungen die optimale Lösung erbringen", meint Thomas Himmelsbach, Experte in der BGR-Abwasserforschung.
Die Kritik an den in Industrieländern üblichen Abwassersystemen – an Toiletten, die auf Wasserspülung beruhen, oder am kostenintensiven Bau von Kläranlagen – wächst. Damit gehen weltweit wiederverwertbare Stoffe im Wert von 15 Milliarden Dollar verloren. Diese Systeme in Entwicklungsländer zu verpflanzen, ist problematisch und wenig sinnvoll.
Zunehmend setzt die deutsche EZ deswegen auf ökologisch nachhaltige Konzepte für die Sanitärversorgung. Neben der ökonomischen Nachhaltigkeit spielt in diesen Konzepten die ökologische Nachhaltigkeit eine besonders große Rolle. Wichtig dabei sind die Gesundheit der Menschen, der Umweltschutz, ein sparsamer Wasserverbrauch und der Ressourcenschutz.
Das Konzept 'Ecological Sanitation' (Ecosan) setzt auf Aufbereitung und Wiederverwertung von fäkalienhaltigem Wasser und Grauwasser, welches bei der Körperpflege und der Kleider- und Haushaltswäsche anfällt.
Durch methanerzeugende Nachfaultürme, wassersparende Trocken- und Trenntoiletten beispielsweise können wertvolle und kostengünstige Ressourcen gewonnen werden. Aufbereiteter Urin und Exkremente düngen die Felder, mit Biogas kann gekocht und geheizt werden, recyceltes Abwasser ist in der Landwirtschaft nutzbar. Die entsprechenden Anlagen für die Wiederverwertung sind klein und vergleichsweise kostengünstig.
Vier Millionen Euro wurden vom BMZ seit 2001 in die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Ecosan-Konzeptes investiert, weitere 2,5 Millionen Euro sind für den Zeitraum von 2008 bis 2011 vorgesehen.
Ein erfolgreiches Projekt hat die GTZ zusammen mit holländischen Entwicklungshelfern in Nepal gestartet und mittlerweile auf Kambodscha, Laos und Vietnam ausgeweitet. Es nennt sich 'Biogas for Life'. "Hier wurden kleinbäuerliche Biogasanlagen verbreitet, in die zusätzlich zum Tierdung auch die häuslichen Abwässer und Fäkalien aus dem bäuerlichen Haushalt eingespeist werden", erläutert GTZ-Expertin Werner. Diese Kleinbiogasanlagen eignen sich überall dort, wo hoch belasteter organischer Abfall in ausreichender Menge anfällt – in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und besonders in Slumgebieten.
Es ist noch ein weiter Weg, das Sanitärproblem zu beseitigen. Dabei soll das internationale Jahr der Sanitären Grundversorgung helfen. Es wurde von den Vereinten Nationen 2008 ausgerufen, um dieses Thema, über das ungern gesprochen wird, in den Mittelpunkt zu rücken. Fakt ist: In vielen armen Ländern kann sich der Großteil der Bevölkerung eine menschenwürdige Toilette nicht leisten. Und immer noch lebt die Hälfte der Menschen im Süden von weniger als zwei Dollar am Tag. Sie bauen auf unsere Hilfe und technisches Know how.
(Autor: Rousbeh Legatis, Inter Press Service Europa, IPS, Berlin/Bonn)