Kann man mit Computern Armut bekämpfen? Kann man mit Handys Demokratie fördern? Man kann - wie Entwicklungen der letzten Jahre zeigen. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien tragen auch in den Entwicklungsländern dazu bei, die Lebens- und Bildungsbedingungen der Menschen zu verbessern.
Unter dem Begriff Informations- und Kommunikationstechnologien, kurz IKT, werden Computer und Computernetze, das Internet (inklusive Portale, E-Mail, Plattformen und mehr) sowie Handys zusammengefasst. Aber auch “klassische“ Technologien wie Radio, Fernsehen, Festnetztelefonie und Funksysteme gehören dazu.
Die Chancen, IKT zu nutzen, sind ungerecht verteilt. Die vom früheren UNO-Generalsekretär Kofi Annan kritisierte “digitale Kluft“ zementiert globale Ungleichgewichte, insbesondere in der Wirtschaft und Wissenschaft. Der Gebrauch von Computern, Internet und Handys steigt mit dem Einkommen.
In Afrika, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, in dem einige der ärmsten Länder der Welt liegen, ist der Zugang zu IKT für die meisten Menschen ein Wunschtraum. Das hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Die wichtigsten sind die fehlende Verfügbarkeit von Technologie, zu geringe Bandbreiten und zu hohe Kosten. Ohne IKT fehlen aber Instrumente für die globale Anschlussfähigkeit der ärmsten Länder.
Die Internationale Fermeldeunion (ITU) stellte für 2006 fest, dass weniger als fünf von 100 Afrikanern das Internet nutzen konnten. Zum Vergleich: Durchschnittlich ein von zwei Einwohnern der G8 Staaten (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Russland, Großbritannien und die USA) haben Zugang zum Internet. Es gibt fünfmal mehr Internetnutzerinnen und -nutzer in den USA und zweimal mehr in Japan als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.
Afrika hat zudem seine eigene digitale Kluft. Während Subsahara-Afrika (ausgenommen Südafrika) eine durchschnittliche Telefondichte von ein Prozent aufweist, hat Nordafrika (Algerien, Ägypten, Mauretanien, Marokko, Tunesien) einen vergleichbaren Durchschnitt von elf Prozent. Mehr als 75 Prozent der 26 Millionen Festnetzanschlüsse in Afrika befinden sich in nur sechs von 55 afrikanischen Nationen. Durchschnittlich stehen drei Festnetzanschlüsse pro 100 Einwohner in Afrika zur Verfügung.
In Afrika nutzen insgesamt 221 Millionen Menschen das Telefon. Der größte Teil, 198 Millionen, telefoniert mit dem Handy. Es ist der Kontinent mit der weltweit höchsten Mobiltelefonwachstumsrate. Diese betrug innerhalb der letzten fünf Jahre durchschnittlich etwa 50 Prozent pro Jahr. Der Kontinent hat die höchste Rate an Handynutzern an der Gesamtzahl der Telefonnutzer weltweit und wird als die “am wenigsten verkabelte Region der Welt“ bezeichnet.
Es gibt seit einigen Jahren nationale und internationale Bemühungen, die digitale Kluft zu verringern und moderne IKT entwicklungspolitisch stärker zu nutzen. Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, diese unter dem Kürzel ICT4D (Information und Communication Technologies for Development) zusammenzufassen.
Sie sollen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung voranbringen und Demokratie fördern. Vor allem die Vereinten Nationen, die Weltbank und einige Geberländer arbeiten an IKT-Politiken für Entwicklung. Afrika bildet wegen seiner schwierigen Ausgangslage einen besonderen Schwerpunkt der Aktivitäten.
So hat der Deutsche Bundestag eine Reihe von Studien in Auftrag gegeben. Sie sollen die Bedeutung von IKT für demokratische und zivilgesellschaftliche Strukturen untersuchen. Beleuchtet werden Bereiche wie Wirtschaft und Handel sowie Bildung, Wissenschaft, Forschung und technologische Entwicklung in Subsahara-Afrika.
Es gibt einen Streit, ob Entwicklungspolitik auf Grundbedürfnisse konzentriert oder auch weitergehende Entwicklungsbedürfnisse gefördert werden sollen. IKT werden von manchen angesichts bitterster Armut als zweitrangig betrachtet. Ist das entwicklungspolitisch sinnvoll? Wir leben in einer globalen Wissensgesellschaft. Arme von der Möglichkeit des Zugangs zu den Mitteln erweiterter Kommunikation auszuschließen, hieße, ihnen wichtige Wissens- und Kommunikationsquellen für ihre eigene Entwicklung vorzuenthalten.
Dabei ist es eine Tatsache, dass vor allem Computer, Internet und Handys Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung weltweit sind. Sie sind längst unerlässliche Hilfsmittel in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung, Gesundheit und Umwelt. Kein Krankenhaus, keine Universität, kein Wirtschaftsunternehmen kommt ohne sie aus. Zugleich stellen sie selbst wichtige wirtschaftliche Erfolgsprodukte dar. Bekannte Firmen der Kommunkationsbranche haben sich stürmisch entwickelt. Das gilt auch für in Afrika tätige Telekommunikationsunternehmen wie Celtel.
IKT stellen nicht nur moderne Kommunikation sicher, sie sind auch wichtige Werkzeuge in der politischen Mitgestaltung der Globalisierung. Eine Studie des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn für den Deutschen Bundestag hat herausgefunden: In den Ländern Subsahara-Afrikas werden Handys, Computer und Internet längst als Mittel zur Befriedigung von Grundbedürfnissen angesehen. Sie spielen eine zunehmend wichtigere Rolle bei der Beteiligung der Zivilgesellschaft am politischen System.
Wie hilfreich moderne Kommunikationstechnologien für neue Formen von Entwicklung sein können, zeigt zum Beispiel das sich immer stärker verbreitende mobile Banking in Afrika. Die Mehrheit der Bevölkerung in den armen Ländern Afrikas verfügt über kein Bankkonto. Hier werden Handys als elektronische Geldbörsen verwendet, die den Menschen, Zugang zu Bezahlsystemen geben. Daraus entstehen wiederum weitere Möglichkeiten für wirtschaftliche Aktivitäten und soziale Entwicklung.
Ein afrikanischer Wirtschaftsvertreter forderte unlängst auf dem deutschen Weltbankforum in Berlin: Afrikanische Firmen und Wirtschaftsverbände müssten stärker beim Aufbau von Internetportalen unterstützt werden. Dies würde die internationale Wettbewerbsfähigkeit afrikanischer Unternehmen verbessern helfen.
Die Entwicklungspolitik erkennt zunehmend die Bedeutung von IKT für Wirtschaft, Verwaltung, Gesundheitswesen und Bildung auf dem afrikanischen Nachbarkontinent. So beim Aufbau und der Stärkung demokratischer Strukturen, dem Schutz der Umwelt, der Bekämpfung der Seuche HIV/Aids. Auch bei der Vorbeugung von Konflikten können sie eine entscheidend Rolle spielen. Kurz: Richtig eingesetzt, tragen IKT zu einer menschenwürdigen Entwicklung und zur Armutsbekämpfung bei.
Darüber hinaus: Erneuerbare Energien, wie Solartechnologien, können für den Betrieb von IKT eingesetzt werden. Deutschland hat hierbei viel technologisches Know how zu bieten. Dies zu nutzen schafft und sichert auch Arbeitsplätze im Inland.
(Autor: Hartmut Ihne, Direktor von ZEFConsult am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn)