Rund 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu menschenwürdigen Sanitäranlagen. Täglich sterben 5.000 Menschen, die meisten davon Kinder, an den Folgen fehlender oder schlechter sanitärer Grundversorgung. Circa 90 Prozent der Abwässer weltweit gelangen ungeklärt oder nicht ausreichend gereinigt in die Gewässer.
Diese Fakten haben die Vereinten Nationen dazu bewogen, das Jahr 2008 zum Internationalen Jahr der Sanitären Grundversorgung auszurufen. Ziel ist es zum einen, das „Toiletten-Tabu“ zu durchbrechen. Zum anderen gilt es, sich für nachhaltige Sanitärlösungen stark zu machen.
Dafür haben sich mehr als 60 internationale Organisationen zu einer "Sustainable Sanitation Alliance" (SuSanA) zusammengeschlossen. Darunter sind auch viele Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), Forschungseinrichtungen und UN-Organisationen. Anstoß des Zusammenschlusses war eine Initiative der deutschen und schwedischen EZ.
SuSanA fordert dazu auf, nachhaltige und an die lokalen Gegebenheiten angepasste Sanitärsysteme zu verbreiten. Zu diesen zählen unter anderem Abwassermanagement- und Sanitärkonzepte auf Basis der Kreislaufwirtschaft (ecosan).
Die Wiederverwertung von Abwasser und Fäkalien ist nachhaltiger und wirtschaftlicher als deren Einleitung in die Oberflächengewässer. Auf diesem Grundgedanken beruhen ökologische Abwasserkonzepte. International werden diese Konzepte auch als „ecological sanitation“ oder kurz „ecosan“ bezeichnet.
Zur Verbreitung von nachhaltigen, am Kreislaufwirtschaftsgedanken orientierten Sanitärkonzepten führt die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) das ecosan-Sektorvorhaben durch. Auch in Indien werden hierzu eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt. Tätig ist die GTZ dabei im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ).
Um den ecosan-Ansatz in Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern, entstand im Jahr 2004 das indische ecosan-Netzwerk für innovative Sanitärlösungen. Mit der Indian Water Works Association zum Beispiel gehört auch der größte Verband Indischer Wasseringenieure und Wasserwerke zu diesem Netzwerk.
Im Rahmen einer Partnerschaft mit der Privatwirtschaft wurde im Jahr 2006 im indischen Pune die “ecosan Service Foundation“ gegründet. Sie bietet Dienstleistungen rund um Planung, Bau und Betrieb von ecosan-Projekten an. Zudem ist sie intensiv mit der Aus- und Weiterbildung von Fachleuten für den innovativen Ansatz beschäftigt.
Zusammen mit diesen Partnern unterstützt das ecosan-Vorhaben das Indische Ministerium für Ländliche Entwicklung dabei, Strategien für die landesweite Verbreitung von ecosan-Konzepten auszuarbeiten. So werden zum Beispiel im Auftrag des Ministeriums Weiterbildungsmaßnahmen für die Leiter der in Indien sehr erfolgreichen “Total Sanitation Campaign“ durchgeführt.
Ein weiterer wichtiger Partner im indischen ecosan-Netzwerk ist der „Navsarjan Trust“. Er hat sich der Verbesserung der Lebensbedingungen der Dalits (der so genannten „Unberührbaren“) verschrieben.
Diese Initiative will die unwürdigen Arbeitsbedingungen vieler rechtloser Dalits verbessern. Meist ungeschützt, nur mit einfachen Bastkörben ausgerüstet, mussten sie Latrinen leeren, reinigen und deren Inhalte aus den Dörfern und Städten schaffen. Im ecosan-Ansatz sieht der „Navsarjan Trust“ eine gute Chance, die Situation dieser meist sehr armen Bevölkerungsgruppe zu verbessern. Diese technischen Innovationen wirken sich nicht nur positiv auf die Hygienesituation aus. Auch die Würde, die Arbeitsbedingungen und letztendlich der soziale Status der Dalits können so verbessert werden.
Der Trust arbeitet in über 1.000 Dörfern im Bundestaat Gujarat. Zusammen mit dem ecosan-Vorhaben werden kreislauforientierte Konzepte an verschiedenen Grundschulen und in seinem zentralen Berufsbildungzentrum verwirklicht.
Die Einführung eines ökologischen Sanitärsystems hilft nicht nur, Wasser zu sparen. Genauso geht es darum, gebrauchtes Wasser wiederzunutzen und den behandelten Urin und die Fäkalien hygienisch sicher zu verwerten. Für die Schulen hat dies deshalb einen besonders hohen Stellenwert, da sie in Wassermangelgebieten liegen und Wasser daher teuer und kostbar ist.
Für die Grundschule wurde ein spezielles Sanitärgebäude entworfen. Darin befinden sich neben Duschen und Waschmöglichkeiten acht ökologische Toiletten und vier wasserlose Urinale.
Im indischen Ahmedabad haben die Schulkinder einer dieser Schulen für ein von ihnen gebautes Modell den „Jugend forscht“-Preis der Stadt erhalten. Das Modell zeigt die "Urin-Trenn-Trocknungs-Toilette“.
Diese Toiletten sind so geformt, dass Urin und Fäkalien jeweils getrennt voneinander gesammelt werden und keine Wasserspülung verwendet wird. Unter den Toiletten befindet sich eine Kammer, in der die Fäkalien aufgefangen, getrocknet und hygienisiert werden. Hierfür und um eine Geruchsentwicklung zu verhindern, wird die Kammer mit einem über das Dach geführten Rohr entlüftet und je eine kleine Schaufel Asche, Kalk oder Reisspelzen auf die frischen Fäkalien gestreut.
Nach einem Jahr sind die Fäkalien im trockenen Klima Gujarats in hygienisch unbedenkliches, nährstoffreiches Material umgewandelt. Dieses ist nun hervorragend geeignet, die Fruchtbarkeit der kargen Böden der Region zu verbessern.
Der getrennt gesammelte Urin wird ebenfalls verwertet. Laut Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO genügt hier eine Lagerung von wenigen Wochen in einem geschlossenen Behälter zur Abtötung eventuell vorhandener Krankheitserreger. Dann kann er als Dünger oder mit Wasser vermischt zur Bewässerung genutzt werden.
Grauwasserrecycling und Urinseparationstoiletten sind, zusammen mit Membran-, Biogas- und Vakuumtechnologie, Beispiele für die zahlreichen Technikkomponenten, aus denen umfassend nachhaltige Sanitärsysteme zusammengesetzt werden können. Wichtig ist dabei nicht die gewählte Technologievariante, sondern das Ergebnis für Mensch und Umwelt.
Auch das Wasser von Duschen und Waschbecken trägt nach entsprechender Behandlung zur Bewässerung von Schulgarten und Grünanlagen bei. Durch die Auseinandersetzung mit Hygienebedingungen, Wassermanagement und dem Potenzial von Kreislaufwirtschaftsprojekten sind die Schüler zu regelrechten ecosan-Experten geworden. Experten, wie sie Indien in Zukunft zahlreich brauchen wird.
(Autoren: Arne Panesar, Christine Werner, Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ , ecosan-Programm, Eschborn)