Schwarz, arm, ausgegrenzt – Lateinamerikas schwarze Frauen wollen sich nicht länger mit der untersten Sprosse der sozialen Leiter bescheiden.
Nach Angaben von Aktivistenorganisationen haben es bislang erst knapp 50 weibliche Nachfahren afrikanischer Sklaven zu einem politischen oder öffentlichen Spitzenposten gebracht. Jetzt wollen engagierte Afro-Lateinamerikanerinnen mit starken Netzwerken und lauter Stimme ihren überwiegend armen, marginalisierten Schwestern den Weg nach oben bahnen.
"Die Benachteiligung dieser Frauen ist unübersehbar. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden, sind sie selten oder nie anzutreffen. Unsere Lage ist wirklich schlimm", klagt Dorotea Wilson in einem Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur IPS.
"Nur mit größter Anstrengung können sich arme schwarze Frauen gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit durchsetzen", erklärt Wilson. Der Aktivistin, die auch die Nichtregierungsorganisation 'Stimmen der Karibik' – 'Voces del Caribe' – leitet, ist der beschwerliche Weg nach oben nur zu gut bekannt. Selbst als ehemaliger Bürgermeisterin und Parlamentsabgeordnete hat Wilson als schwarze Frau immer hart kämpfen müssen.
Gemeinsam mit 30 anderen Frauen war die Nicaraguanerin nach Panama gereist. Dort nahm sie als Vorsitzende des "Netzwerks afro-karibischer und afro-lateinamerikanischer Frauen“ an einer Generationen übergreifenden Konferenz lateinamerikanischer Frauen afrikanischer Abstammung teil. Dem Netzwerk haben sich Aktivistinnengruppen aus 33 Ländern angeschlossen. Initiator der Zusammenkunft war die UN-Organisation Unicef.
Den 150 Millionen in Lateinamerika lebenden Nachfahren schwarzer Afrikaner ist es bislang nicht gelungen, sich aus der Marginalisierung zu befreien. Seit 50 Jahren leiden sie darunter.
Anders als Lateinamerikas rund 40 Millionen Indigene spielen sie in der Politik und in der Öffentlichkeit der Region kaum eine Rolle. Dagegen haben es einflussreiche Ureinwohner-Organisationen in lateinamerikanischen Ländern wie Ecuador und Bolivien inzwischen zu politischem Einfluss gebracht.
Wilson berichtet, die in Panama versammelten schwarzen Aktivistinnen seien dabei, sich untereinander besser zu vernetzen und ihre Gruppen zu stärken. Und: Sie haben eine länderübergreifende Agenda für Afro-Lateinamerikanerinnen erarbeitet. Diese habe man auf der Zehnten regionalen Frauenkonferenz der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) vorgelegt, die im August in Ecuadors Hauptstadt Quito stattfand. "Es wird höchste Zeit, dass wir gemeinsam als Frauen afrikanischer Herkunft auftreten", betonte Wilson. "Bislang haben wir nicht einmal unsere Regierungen dazu bringen können, unsere genaue Zahl festzustellen."
Zu den Hauptthemen der CEPAL-Konferenz gehörte die miserable Situation von Millionen weiblichen und größtenteils schwarzen oder indigenen Hausangestellten. Einem CEPAL-Bericht zufolge wird die Hälfte dieser Frauen ausgebeutet. Sie arbeiten ohne soziale Sicherung, bei schlechter Bezahlung oder ganz ohne Lohn und 48 Stunden pro Woche.
Untersuchungen haben ergeben, dass über 90 Prozent der Lateinamerikaner afrikanischer Herkunft arm sind und kaum Bildungschancen haben. Auf dem Arbeitsmarkt finden sie allenfalls besonders schlecht bezahlte Jobs.
Frauen sind noch schlechter dran. So verdienen 71 Prozent der schwarzen Brasilianerinnen ihren Lebensunterhalt im informellen Sektor, bei den Männern sind es 65 Prozent. Dagegen sind lediglich 61 Prozent der weißen Brasilianerinnen und 48 Prozent der weißen Brasilianer im informellen Sektor beschäftigt.
In Kolumbien leben 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung in tiefster Armut. Und auch im sozialistisch regierten Kuba bleiben Schwarzen die schlechtesten Behausungen und die Jobs mit den niedrigsten Löhnen vorbehalten.
"Als Schwarzer und ganz besonders als schwarze Frau hat man es in der Region sehr schwer", betonte Wilson. "Ich selbst hatte häufig unter Erniedrigungen zu leiden", fügt sie hinzu. Sie stammt aus Puerto Cabezas in Nicaraguas autonomer Nordatlantik-Region. "Mein Vater hat 48 Jahre lang als Bergmann gearbeitet. Meine Mutter versorgte den Haushalt und zog neun Kinder groß. Wir, sechs Mädchen und drei Jungen, mussten kämpfen, um unseren Weg zu machen. Doch wir haben es geschafft."
(Ein Bericht von Diego Cevallos, IPS-Auslandskorrespondent in Mexiko-Stadt, redaktionelle Bearbeitung: Grit Moskau-Porsch, IPS – Inter Press Service Berlin/Bonn)