Donnerstag, 24. Mai 2012
Interview
"Assimilation ist nicht das Ziel"
- Interview mit:
- Maria Böhmer
- Medium:
- Wiesbadener Kurier
Staatsministerin Maria Böhmer im Interview mit dem Wiesbadener Kurier zur Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten vom 20. bis 21. Mai 2012 in Wiesbaden.
Wiesbadener Kurier: Frau Böhmer, Sie haben kürzlich die türkische Stadt Gaziantep besucht. Beginnt Ihre Arbeit schon im Herkunftsland der Migranten?
Maria Böhmer: Es ist wichtig, dass wir von der nachholenden verstärkt zur vorbereitenden Integration kommen. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Chancen, sich hier schnell zurechtzufinden, sind umso größer, wenn man sich schon im Herkunftsland vorbereitet. Der Besuch in der Sprachschule in Gaziantep hat mich noch einmal davon überzeugt.
Sie haben drei Großbaustellen in der Integration benannt: Sprache, Bildung, Perspektive am Arbeitsmarkt. Wie ist der letzte Stand der Bauarbeiten?
Böhmer: Nach wie vor haben wir Arbeiten am Fundament - der Sprache - zu leisten. Der aktuelle Indikatorenbericht zur Integration sagt uns, dass der Schulerfolg nicht vom Migrationshintergrund abhängt, sondern von der sozialen Herkunft. Und: Der Schulerfolg ist umso besser, wenn in den Familien Deutsch gesprochen wird. Das soll keine Absage an die Herkunftssprache sein. Was mich aber umtreibt, ist, dass der Abstand bei Schulabschlüssen zwischen deutschen Jugendlichen und denen aus Zuwandererfamilien noch sehr groß ist.
Es gibt auch diejenigen, die schon einen Abschluss besitzen und trotzdem schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben.
Böhmer: Im Interesse unseres Landes können wir es uns nicht mehr leisten, dass wir Potenziale brachliegen lassen. Auf Bundesebene fällt durch das Anerkennungsgesetz für im Ausland erworbene Abschlüsse seit dem 1. April eine Hürde weg. Die Länder müssen jetzt bei den Berufen, für die sie zuständig sind, wie Lehrer-, Ingenieur- und Sozialberufe, nachziehen.
Was sagen Sie zu den sogenannten Integrationsverweigerern?
Böhmer: Immer wieder flammt die Diskussion auf. Man muss unterscheiden zwischen denjenigen, die sich integrieren wollen, aber die Rahmenbedingungen wie etwa Analphabetismus erschwerend wirken. Es gibt aber auch Einzelne, denen wir klar ansagen müssen, dass das Grundgesetz für alle gilt und eingehalten werden muss. Unsere Maxime lautet Fordern und Fördern.
Unterscheidet sich das Verständnis von Integration bei Migranten und Einheimischen?
Böhmer: Am Anfang habe ich bei Gesprächen mit Migranten gemerkt, das viele die Sorge hatten, es gehe hier um Assimilation. Das ist nicht das Ziel der Integrationspolitik. Uns geht es darum, dass eine wirkliche, werteorientierte Teilhabe stattfindet. Integration heißt auch, Ja zu einem Land zu sagen, indem man leben möchte.
Einige Migranten sagen Ja, verstehen aber nicht, warum sie keine doppelte Staatsbürgerschaft haben können.
Böhmer: Viele erklären mir, dass bei ihnen zwei Herzen in der Brust schlagen. Das verstehe ich, aber wir haben in Deutschland eine andere Tradition mit der Staatsbürgerschaft im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Kanada. Man muss sich fragen, wo bin ich zu Hause, und sich dann bewusst entscheiden. Irgendwann muss man ankommen, deshalb habe ich Mitgliedern der türkischen Regierung schon oft gesagt, dass auch sie loslassen müssen.
Wie kann ein Wir-Gefühl entstehen?
Böhmer: Bei den Jugendlichen sehe ich diesbezüglich große Fortschritte: Beim letzten Jugendintegrationsgipfel haben sie mir vermittelt, dass sie keine Unterscheidung zwischen Migranten- und Nichtmigrantenkindern haben wollen, dass sie zusammengehören. Klar erfordert aber ein richtiges Wir-Gefühl noch Arbeit. Zusammenhalt bedeutet auch Anstrengung. Die größte Chance liegt in der Begegnung.
Gehört der Islam auch zu diesem Wir, zu Deutschland?
Böhmer: Ich halte diese Diskussion für überholt. Selbstverständlich ist Deutschland geprägt von der jüdisch-christlichen Kultur. Aktuell leben aber etwa vier Millionen Muslime hier, also gehört der Islam heute zu Deutschland.
Was kann die Bundeskonferenz in Wiesbaden zur Integration beitragen?
Böhmer: Wir haben uns das große Ziel gesetzt, von Projekten zu dauerhaften Strukturen zu kommen. Das gilt gerade für die Integration vor Ort. Wir wollen Integration verbindlicher machen. Deshalb gilt es herauszufinden, welche Projekte zum Beispiel zur Sprachförderung oder interkulturellen Öffnung der Vereine erfolgreich sind. Die Konferenz dient darüber hinaus zur Vernetzung. Auch um Migranten in die Verantwortung zu nehmen.
Das Interview führte Erdal Aslan.
