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Sonntag, 3. März 2013

Wanka-Interview

"Bildung und Forschung gehören zusammen"

Interview mit:
Johanna Wanka
Medium:
Sueddeutsche_Zeitung

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung nahm Bundesbildungsministerin Johanna Wanka zur Förderung der Hochschulen und zur Finanzierung von Studienplätzen Stellung. Das BAföG müsse heutigen Realitäten angepasst werden, erklärte Wanka weiter.

Johanna Wanka Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Foto: Bundesregierung/Denzel

Das Interview im Wortlaut: 

Süddeutsche Zeitung (SZ): Frau Wanka, sollte man Ihr Amt ehrlicherweise nicht umbenennen: statt Bildungsministerin nur noch Forschungsministerin? Bei den Schulen haben Sie keinen Einfluss - und bei Hochschulen dürfen sie nur zeitweise Geld geben für den Ausbau und die Forschung.

Johanna Wanka: Nein, Bildung und Forschung gehören zusammen. Wir brauchen den Bund, denn Deutschland steht in einem globalen Wettbewerb. Wir wollen mit 1,2 Prozent der Weltbevölkerung unsere Rolle als viertgrößte Industrienation und unseren Wohlstand bewahren. Da kommt es entscheidend darauf an, wie gut die Menschen hier ausgebildet werden, gerade an Schulen und Hochschulen. Allerdings ist die Diskussion über mehr Gemeinsamkeit von Bund und Ländern in der Wissenschafts- und Bildungspolitik berechtigt. Es kann doch nicht sein, dass die Entwicklung der Hochschulen allein davon abhängt, was sich die Landesregierungen überlegen. So werden wir nicht an der Spitze der Industrienationen bleiben können. Wir brauchen unbedingt Veränderung.

SZ: Wo muss der Bund mehr Einfluss bekommen in der Bildungspolitik?

Wanka: Der Bund muss bei Themen, die für Deutschland insgesamt von Bedeutung sind, mitgestalten können. Insbesondere an den Hochschulen geht es um strategische Entscheidungen. Nehmen wir den Maschinenbau, das Rückgrat der deutschen Industrie: Wenn wir hier unsere Spitzenstellung halten wollen, dann muss der Bund das Fach an Hochschulen stärken können. Oder die kleinen Fächer: In den Neunzigerjahren wurden zum Beispiel in mehreren Ländern Slawistik-Institute aufgegeben, die sich aus Sicht eines einzelnen Bundeslandes nicht rechneten und uns heute fehlen.

SZ: Wie soll dies konkret aussehen?

Wanka: Ich setze mich dafür ein, dass der Bund Institute und Lehrstühle langfristig fördern kann, wobei die Länderhoheit über die Hochschulen gewahrt bleibt. Die Zusammenarbeit von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen muss leichter werden - ohne juristische Sonderkonstruktionen. Dafür benötigen wir eine Änderung des Grundgesetzes, die längst auf dem Tisch liegt. Leider blockiert Rot-Grün, wahrscheinlich weil man uns im Wahlkampf keinen Erfolg gönnt.

SZ: SPD und Grüne wollen weiter gehen und den Bund auch an den Schulen mitfinanzieren und mitbestimmen lassen. Als Landesministerin hielten Sie nichts davon. Haben Sie damit immer noch ein Problem?

Wanka: Ich kenne bis heute keinen gemeinsamen Vorschlag der Länder, wie sie in der Schulpolitik genau mit dem Bund zusammenarbeiten wollen und ob sie alle bereit sind, sich einer Kooperation wirklich zu öffnen. Ich höre nur Rufe nach mehr Geld - und das ist keine Lösung.

SZ: Die SPD hat Bildungsgerechtigkeit als Thema ausgerufen. Arbeiter- und Migrantenkinder, die es nicht bis zum Abitur schaffen, Zehntausende Schulabbrecher - was sind Ihre Antworten?

Wanka: Bildungsgerechtigkeit ist für mich ein zentrales Thema. Ich war selbst die Erste in meiner Familie, die studiert hat und weiß, dass die Lage vielfach als ungerecht empfunden wird. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt allerdings, wie viel sich hier getan hat. Vor einigen Jahren waren wir noch bei mehr als acht Prozent Schulabbrechern pro Jahrgang, jetzt sind wir bei 6,5 Prozent. Von den jungen Leuten studiert inzwischen etwa die Hälfte des Jahrgangs, hier eröffnen sich Chancen für viele Kinder auch aus sogenannten bildungsfernen Familien. Es gibt aber weiterhin Nachholbedarf, auf den wir reagieren. Ein Beispiel: Wo Eltern das nicht leisten können, will unser neues Förderprogramm „Kultur macht stark" Kinder mit Musik, Theater, Kunst vertraut machen.

SZ: Immerhin studieren so viele junge Leute wie nie. Sind es inzwischen zu viele?

Wanka: Nein, mit rund 50 Prozent haben wir nun ein gutes Niveau erreicht. Zugleich haben wir mit dem System der dualen Ausbildung eine attraktive Alternative. Jede und jeder kann sich überlegen, welcher Weg am besten passt. Allerdings brechen immer noch zu viele ihr Studium ab, je nach Fach bis zu 25 Prozent und mehr. Deshalb ist mir wichtig, die Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung zu verbessern: Was man im Studium gelernt hat, muss künftig in der Ausbildung besser anerkannt werden.

SZ: Wäre es nicht sinnvoller, schon vorher anzusetzen und den Studienabbruch zu vermeiden? Gerade in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern werden die Studenten mit knallharten Prüfungen aussortiert, während sich die Industrie über zu wenige Ingenieure beklagt. Das ist doch absurd.

Wanka: Die Universitäten kennen das Problem und haben reagiert, indem sie Vorbereitungskurse und Hilfe anbieten. Der Bund unterstützt gute Studienbedingungen mit Milliardenaufwand beim Hochschulpakt und beim Qualitätspakt Lehre.

SZ: Die Länder haben wegen des Studentenandrangs noch mehr Geld gefordert, auch Sie als Landesministerin. Was sagen Sie nun als Bundesministerin, kommt der Nachschlag?

Wanka: Der Bund hat mehr Studienplätze stets mitfinanziert und seine Zusagen gehalten. Wir werden mehr Geld bereitstellen.

SZ: Wie viel wird es mehr geben?

Wanka: Wir werden uns konkret daran orientieren, wie viele neue Studenten nun zusätzlich erwartet werden. Allerdings müssen auch die Länder ihren vertraglich zugesicherten Anteil leisten, in der Regel die Hälfte.

SZ: Tricksen einzelne Länder?

Wanka: Einiges ist zumindest schwer nachvollziehbar. Deshalb müssen die Ausgaben der Länder transparenter werden. Die Studierenden und die Hochschulen haben ein Recht darauf, dass die versprochenen Mittel auch bei ihnen ankommen.

SZ: Müssen Sie die Länder nicht zu mehr Transparenz verpflichten, bevor Sie neue Milliarden geben?

Wanka: Ja, das ist meine klare Absicht und wir diskutieren gerade mit den Ländern darüber, wie das geschehen kann.

SZ: Die Frage ist ohnehin, wie viel Geld der Bund künftig noch bieten kann. Der Haushalt Ihres Ministeriums soll 2014 mit 100 Millionen Euro Plus nicht mehr so wachsen wie in den Vorjahren. Verabschiedet sich die Koalition langsam vom Ausbau bei Bildung und Forschung?

Wanka: Nein, die Kanzlerin hat klargestellt: Bildung und Forschung haben Priorität, das ist und bleibt das Ziel der Bundesregierung. Obwohl der Haushalt insgesamt kleiner wird, steht im Eckwertebeschluss bei Bildung und Forschung ein Pluszeichen.

SZ: Beim Deutschlandstipendium, mit dem Bund und Wirtschaft begabte Studenten fördern, bleibt dagegen jedes Jahr Geld übrig. Weil das Anwerben des nichtstaatlichen Anteils schlecht funktioniert, werden viele bereits verplante Millionen nicht ausgegeben. Wäre es nicht ehrlich, einen klaren Schnitt zu machen und das Programm zu beenden?

Wanka: Das Programm funktioniert: Schon nach zwei Jahren liegen wir bei 11000 Stipendiaten, die bekannten großen Förderwerke haben in mehreren Jahrzehnten zusammen 24000 Stipendien jährlich aufgebaut. Daran sieht man: Es ist etwas im Entstehen. Es braucht eben Zeit, eine Stipendienkultur zu schaffen, die in anderen Ländern völlig selbstverständlich ist. Das Deutschlandstipendium trägt dazu bei. Es setzt Anreize für Studenten und macht so das Studieren attraktiver. Es ist eine Möglichkeit für die Wirtschaft, auch für den Mittelstand und das kleine Handwerk, sich an den Hochschulen aktiv einzubringen.

SZ: Die Kritik rührt daher, dass man mit dem Bafög schon ein gutes Instrument mit vielen Nutznießern hat, es nach 40 Jahren treuen Dienstes aber als reformbedürftig gilt. Ihre Vorgängerin hat eine Bafög-Erhöhung angeregt. Gescheitert ist das an den Ländern. Warum?

Wanka: Weil es Geld kostet. Und dann sind die Verhandlungen immer schwierig. Die Länder tragen ein Drittel der Kosten, und die finanziellen Möglichkeiten sind nicht in allen Ländern gleich.

SZ: Und jetzt, im neuen Amt: Sehen Sie da die BAföG-Thematik anders als aus der Länderperspektive?

Wanka: Nein. Wir müssen das Bafög insgesamt auf den Prüfstand stellen. Nicht die Hilfe an sich, sondern die Konditionen und Details. Das BAföG geht heute teilweise an der Lebenswirklichkeit vorbei. Die Studentenschaft wird immer unterschiedlicher, da geht es um Teilzeitstudium, eine akademische Ausbildung für beruflich Qualifizierte, es geht um den späteren Studienbeginn nach der ersten Berufserfahrung, um lebenslanges Lernen. Die Förderung muss weiter geöffnet werden. Sie muss an die heutigen Realitäten angepasst werden und die sehen anders aus als noch vor 40 Jahren. Nur auf pauschale Erhöhungsrunden zu setzen, greift da zu kurz. Ein Beispiel könnte die Reform der Altersgrenzen sein oder neue Regeln für das Teilzeitstudium. Das kann ein sehr schwieriges Projekt werden. Bund und Länder werden im April in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz darüber reden. Zugleich müssen sich aber auch alle Kollegen in den Ländern zur Gemeinschaftsaufgabe Bafög bekennen - und mögliche Verbesserungen dann auch durchsetzen.

SZ: Ihre Vorgängerin Annette Schavan ist über ihre Doktorarbeit gestürzt. Welche Lehren sollten Politik und Wissenschaft aus dem Fall ziehen?

Wanka: Die Diskussion in der Wissenschaft läuft, das ist richtig und wichtig. Ich werde im Wissenschaftsrat vorschlagen, dass dort Standards für die Überprüfung von Promotionen entwickelt werden. Dort sollte auch über Gutachter, die Dauer der Verfahren und über das Thema Verjährung gesprochen werden. Die Themen liegen auf dem Tisch und sollten von der Wissenschaft angepackt werden.

Das Interview führten Roland Preuss und Johann Osel für die Süddeutsche Zeitung