Sonntag, 3. März 2013
Wanka-Interview
Mehr Bildungsgerechtigkeit für alle
- Interview mit:
- Johanna Wanka
- Medium:
- Welt_am_Sonntag
Nur sieben Monate Zeit hat die neue Bundesbildungsministerin bis zur nächsten Bundestagswahl. Die will Johanna Wanka nutzen, denn Neustarts hat sie schon viele gemeistert. Im ersten Interview als Bundesbildungsministerin spricht sie über die Unterschiede zwischen Ost und West und die eigene Schulzeit.
Das Interview im Wortlaut:
WELT AM SONNTAG: Sie waren in Brandenburg und Niedersachsen Wissenschaftsministerin. Nun sind Sie in Berlin. Können Sie die politische Ost-West-Tour empfehlen?
Johanna Wanka: Es ist ein Vorteil, beide Lebenswelten zu kennen. Mich überrascht, dass sich mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung im Osten immer noch verhältnismäßig wenig Ostdeutsche in Führungspositionen finden. In den Wendejahren nach 1989 war es sicher nötig, dass Westdeutsche auf leitenden Positionen geholfen haben. Die brauchten wir.
WamS: Warum setzen sich so wenige Ostdeutsche im Westen durch?
Wanka: Von einer ausgeglichenen Verteilung sind wir tatsächlich noch weit entfernt, das zeigen Untersuchungen. In der Politik scheint das Verhältnis sogar relativ ausgeglichen zu sein. Aber in der Wirtschaft, in Stiftungen, in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern finden sich an der Spitze noch zu wenige Ostdeutsche. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist, dass Eliten sich selbst reproduzieren. Und nach 1989 waren wir im Osten auf die westdeutsche Unterstützung angewiesen.
WamS: Wo sehen Sie noch Unterschiede?
Wanka: Vieles hat sich angeglichen, auch materiell. Aber nach meiner Erfahrung ist die Angst vor Veränderung im Westen viel größer als im Osten. Da schwingt oft die Befürchtung mit, es könnte schlechter werden, wenn sich etwas ändert. Im Osten hat man Umbrüche dagegen auch als Chance erlebt, sein Leben zu verbessern.
WamS: Sie haben als Mathematikerin in der DDR eher ein unpolitisches Leben geführt und sind 1989 dann in das Neue Forum eingetreten. Wie kam es dazu?
Wanka: Ich war nicht unpolitisch, ich wollte mich von der SED aber nicht vereinnahmen lassen. Ich bin deshalb nie in einer Blockpartei gewesen. Als 1989 das System ins Wanken kam, war ich total elektrisiert. Es taten sich plötzlich so viele Möglichkeiten auf, auch politisch. Ich bin für das Neue Forum in den Merseburger Kreistag gegangen. Lauter Individualisten, kontroverse Debatten, sehr spannend. Es war die Zeit der Quereinsteiger, man konnte gestalten.
WamS: Sie sind erst 2001 in die CDU eingetreten. Hätten Sie auch in einer anderen Partei landen können?
Wanka: Die Grünen in Sachsen-Anhalt haben mich 1994 tatsächlich mal gefragt, ob ich als Parteilose für sie in das von der PDS tolerierte rot-grüne Kabinett von Reinhard Höppner ziehen würde. Aber das kam für mich nicht infrage. Ich bin eine überzeugte Wertkonservative. Mit dem Eintritt in die CDU habe ich es mir dennoch nicht leicht gemacht. Wenn man wie ich in der DDR Distanz zum System gehalten hat, tut man sich mit Parteien schwer. Ich hätte Angst, dass man als Mitglied nicht mehr das sagen kann, was man denkt.
WamS: Und? Befürchtung eingetreten?
Wanka: Nein, es ist längst nicht so schlimm, wie ich dachte (lacht). Wir leben nun mal in einem Land, in dem die politische Willensbildung über Parteien läuft. Ich bin zu einer Zeiteingetreten, als es der CDU auch wegen der Parteispendenaffäre gar nicht so gut ging. In Berlin regierte Rot-Grün, die Union war in der Opposition. Ich wollte zusätzlich zu meiner Überzeugung auch solidarisch sein.
WamS: Wie ist eigentlich das Verhältnis zu Ihrer Vorgängerin?
Wanka: Annette Schavan und ich sind seit vielen Jahren befreundet. Ich bin dankbar, dass ich ein gut bestelltes Haus übernehmen darf. Natürlich kann ich sie bei Bedarf um Rat fragen, und wir haben schon früher vieles beredet.
WamS: Ihre Amtszeit dauert nur sieben Monate. Ist das Fluch oder Segen?
Wanka: Fürs Erste dauert die Amtszeit nur sieben Monate. Was danach kommt, weiß keiner. Aber es ist schon eine besondere Herausforderung. Es gibt keine Schonfrist. Schon bald stehen wichtige Entscheidungen an. Die Länder und der Bund müssen sich darüber klar werden, wie sie den Hochschulpakt fortführen können. Wer möchte, muss die Möglichkeit haben, zu studieren - dieses klare Signal müssen Bund und Länder geben. Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung muss ebenfalls vorankommen, denn gut ausgebildete Lehrer sind der Schlüssel für gute Schulen. Ich will mich auch noch nicht geschlagen geben, was die Grundgesetzänderung angeht. Ich hoffe, dass wir im Interesse der Hochschulen und Studierenden zu einer Einigung mit den Ländern kommen und der Bund in Zukunft nicht mehr nur Projekte fördern kann. Darüber hinaus gibt es Dinge, die ich anschieben möchte, die über das Ende der Legislaturperiode hinauswirken.
WamS: Welche Akzente sollen fortwirken?
Wanka: Ich möchte für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Einen Schwerpunkt will ich beim Übergang von beruflicher zu akademischer Bildung und umgekehrt setzen. Wir haben erreicht, dass Berufstätige ohne Abitur studieren können. Aber die Hürden sind zu hoch. Die Hochschulen fordern häufig Probesemester und Eignungstests. Doch wer nach Jahren im Beruf mit einer Mathe-Prüfung konfrontiert wird, hat kaum eine Chance. Deshalb sage ich: Lasst sie ohne Prüfung und Probezeit anfangen. Defizite müssen durch Förderung im Studium ausgeglichen werden. Am Ende muss aber dieselbe Leistung und Qualifikation stehen, da gibt es keine Abstriche. Auch haben wir in vielen Fächern sehr hohe, zu hohe Abbrecherquoten. Das, was diese jungen Menschen schon gelernt haben, muss ihnen bei einer anschließenden Berufsausbildung angerechnet werden. Es darf nicht sein, dass sie wieder bei null anfangen.
WamS: Welche Ambitionen haben Sie als Forschungsministerin?
Wanka: Ich möchte eine nationale Plattform etablieren. Sie soll die gesamte Energieforschung bündeln und moderieren. Alle Akteure gehören an einen Tisch. Hier wird in Abstimmung mit den anderen Bundesministerien besprochen, was in den Ländern passiert, an den Hochschulen und auch in der Wirtschaft. So können Forschungsschwerpunkte benannt werden. Was uns wichtig ist, dafür müssen wir dann auch mehr Geld zur Verfügung stellen.
WamS: Das Ziel, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung zu investieren, ist bald erreicht. Brauchen wir neue Ziele?
Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Die geplanten sieben Prozent für Bildung zu erhöhen, ist sehr ambitioniert, gerade für die Länder. Was ich sehr wohl für geboten halte, ist, die Forschungsausgaben von drei auf 3,5 Prozent zu steigern.
WamS: Schulpolitik machen die Länder, halten Sie sich aus der Diskussion raus?
Wanka: Ich werde mich nicht aus der Schuldiskussion heraushalten, aber respektieren, dass die Länder dafür die maßgeblichen Kompetenzen haben. Wo der Bund jedoch etwas machen kann, werde ich etwas tun. Der Bund ist etwa bereit, Geld in die Lehrerbildung zu investieren, wenn sich die Länder einigen, ihre Lehrerausbildungen und -abschlüsse anzuerkennen. Hier erwarte ich Bewegung.
WamS: Was halten Sie von Plänen, das Sitzenbleiben abzuschaffen?
Wanka: Das ist Sache der jeweiligen Länder. Aber an dieser Frage zeigt sich, dass es in der Bildungspolitik grundsätzliche Unterschiede zwischen den Parteien gibt. Da können sich Eltern fragen: Ist es das Beste für das Kind, wenn man in einem differenzierten Schulsystem auf die unterschiedlichen Fähigkeiten eingeht? Oder ist es besser, wenn man nicht differenziert und alle gemeinsam beschult, wie in der Gemeinschaftsschule?
WamS: Wie haben Ihre Eltern reagiert, wenn Sie schlechte Noten bekamen?
Wanka: Das ist selten passiert (lacht). Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, war die Erste aus meiner Familie, die studiert hat. Deshalb liegt mir das Thema Bildungsgerechtigkeit auch so am Herzen. Meine Eltern und Großeltern haben mich immer sehr bestärkt. Als ich eingeschult wurde, hat die Lehrerin für alle Schüler eine Prognose abgegeben. Bei mir sagte sie, dass ich bestimmt mal eine gute Köchin werde. Sie hatte recht, ich koche gern (lacht).
WamS: Ist die verbindliche Schulempfehlung also nicht der richtige Weg?
Wanka: Das kann man nicht so pauschal sagen. Wofür ich mich engagiere, ist, dass jedes Kind die Chance auf maximalen Erfolg hat - egal, von welchem Punkt aus es startet. Es gibt Elternhäuser, die überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass ihr Kind studieren könnte. Da muss die Anregung von außerhalb kommen. Unser Bildungssystem muss insgesamt durchlässiger werden. Wir neigen in Deutschland zu sehr dazu, die Kinder in bestimmte Kästchen einzuordnen. Das ist viel zu kurz gedacht. Es geht von überall weiter.
WamS: Konnten Ihre Eltern Ihnen helfen?
Wanka: Es war eher so, dass viele Nachbarskinder mit mir Mathe üben mussten. Ich war quasi die Lehrerin. Es gab aber auch Belohnungen für die Guten.
WamS: Die Länder haben 2008 versprochen, das Geld, das wegen des Rückgangs der Schülerzahl bleibt, im System zu lassen. Halten sie das Versprechen? Lehrerstellen wurden schon gekürzt.
Wanka: Die Rendite im System zu lassen, um damit die Qualität zu erhöhen, kann man nicht mit der Frage nach der Zahl der Lehrerstellen gleichsetzen. Das kann ein Indikator sein, muss aber nicht. Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Länder zu ihrer Aussage von damals stehen.
WamS: Beim Hochschulpakt haben Sie beklagt, dass einige Länder ihren Eigenanteil nicht erbringen.
Wanka: Wir sind in Verhandlungen mit den Ländern. Wir haben eine Vereinbarung, wie wir miteinander umgehen. Vom Bund her ist geplant, mit den Ländern noch konkretere Vereinbarungen zu treffen und damit das Verfahren transparenter zu machen.
WamS: In Deutschland gibt es bald keine Studiengebühren mehr. Muss Bildung in Deutschland kostenlos sein?
Wanka: Untersuchungen der OECD geben uns als Hausaufgabe mit, dass eher die frühkindliche Bildung einfacher zugänglich gemacht werden muss. Es ist also beispielsweise wichtig, hohe Kita-Gebühren zu reduzieren, was auch Bayern gerade macht. As Landesministerin war ich für Studienbeiträge zuständig. Jetzt bin ich es nicht. Jedes Land muss für sich entscheiden, wie es ein gutes Studium finanzieren will. In Niedersachsen hatten wir die höchsten staatlichen Ausgaben pro Student. Die Studienbeiträge kamen noch obendrauf. Ich hoffe, dass auch die Nachfolger gute Studienbedingungen ermöglichen.
Das Interview führten Miriam Hollstein, Claus Christian Malzahn und Thomas Vitzthum für die Welt am Sonntag.
