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Mittwoch, 20. Februar 2013

Pfeffer-Interview

Sicherheitslage kontinuierlich verbessert

Interview mit:
Erich Pfeffer
Medium:
Bundeswehr aktuell

Seit Februar 2012 führt Generalmajor Erich Pfeffer das Regionalkommando Nord. In dieser Woche übergibt er die Verantwortung an seinen Nachfolger, Generalmajor Jörg Vollmer. Kurz vor seinem Abschied erläutert der scheidende Kontingentführer seine Erfahrungen.

Generalmajor Erich Pfeffer salutiert Generalmajor Erich Pfeffer Foto: Bundeswehr/Linden

Das Interview im Wortlaut:

Bundeswehr aktuell: Herr General, Sie waren ein Jahr lang Kommandeur der multinationalen Truppen in Nord-Afghanistan. Wie hat sich das Umfeld in dieser Zeit entwickelt?

Erich Pfeffer: In Nord-Afghanistan hat sich die Sicherheitslage in den vergangenen gut 18 Monaten langsam, aber kontinuierlich verbessert. In sechs der insgesamt neun Provinzen haben wir eine ausgesprochen ruhige Lage. Die Operationen der Sicherheitskräfte konzentrieren sich im Wesentlichen auf drei Provinzen und auch dort auf einige wenige Distrikte. Insgesamt kann ich sagen, dass die Fähigkeiten der Aufständischen zu komplexen Angriffen im Grunde nicht mehr vorhanden sind, sondern sie sich praktisch ausschließlich auf versteckte, improvisierte Sprengfallen (IED) konzentrieren. Damit wollen sie die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) oder uns davon abhalten, dass wir uns in bestimmten Räumen bewegen, in denen sie noch die Bewegungsfreiheit haben. Insgesamt hat sich die Sicherheitslage erfreulich entwickelt, wenn sie in einigen Distrikten auch noch fragil ist. Das betrifft auch Regionen im Raum Kunduz.

Bundeswehr aktuell: In Ihrer Zeit konnten weitere Regionen im Norden in afghanische Verantwortung übergeben werden. So wurde unter anderem das PRT Faizabad geschlossen und in Kunduz steht die Übergabe der Einsatzliegenschaft an die Afghanen kurz bevor. Wie bewerten Sie insgesamt den Übergabeprozess?

Pfeffer: In diesem Prozess gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen. Zum einen das Führungspersonal, nicht nur bei den afghanischen Sicherheitskräften, sondern insbesondere auch im politischen Bereich, das heißt, auf der Provinz- und auf der Distriktebene. Zum anderen lässt sich die Sicherheit nicht allein durch die Sicherheitskräfte verbessern. Hier benötigt es den engen Schulterschluss und die enge Zusammenarbeit mit den lokalen und regionalen Gouverneuren. Das hat sich im Laufe des vergangenen Jahres verbessert. Genauso gilt das natürlich – was das Thema Personal angeht – innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte. Derzeit haben wir auf der Regionalebene starkes Führungspersonal. Aber es gibt keine Garantie, dass das auch so bleibt.

Bundeswehr aktuell: Wie hat sich im Speziellen die Bedrohung durch die IED entwickelt?

Pfeffer: Die improvisierten Sprengfallen sind ganz klar der Bedrohungsschwerpunkt, denn wie schon gesagt, sind die Aufständischen nicht mehr in der Lage zu komplexen Angriffen. Ein Großteil der IED wird jedoch entweder gefunden oder explodiert ohne Wirkung. Hinzu kommt: Wir als ISAF sind nicht mehr das primäre Ziel, sondern die afghanischen Sicherheitskräfte oder Regierungsvertreter. Wichtig ist deshalb, dass wir die afghanischen Sicherheitskräfte in den Befähigungen zu Counter-IED weiter verbessern – und das ist ein breites Fähigkeitsspektrum, das hier benötigt wird. Das reicht von Ausbildung und Material über allgemeines Bewusstsein und Wissen um IED bis hin zum spezifischen Räumen von Sprengfallen.

Bundeswehr aktuell: Wie schätzen Sie den Ausbildungsstand und die Schlagkraft der ANSF ein?

Pfeffer: Die Fähigkeiten der ANSF haben im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Auch wenn man feststellen muss, dass in bestimmten Bereichen noch Defizite vorhanden sind. Beim Verbessern der Fähigkeiten müssen wir uns darauf konzentrieren, was die Afghanen brauchen, um in diesem Sicherheitsumfeld zu bestehen. Denn es geht nicht darum, ein Militär oder eine Polizei europäischer oder westlicher Ausprägung zu schaffen und auszubilden. Ein wichtiger Aspekt dabei ist auch die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Militär so verbessert werden kann, dass sich Synergieeffekte beim Erfüllen von Sicherheitsaufgaben erzeugen lassen. Und das andere große Feld, auf das wir uns konzentrieren, ist alles, was wir militärisch unter dem Begriff der Durchhaltefähigkeit bezeichnen. Dabei geht es im Kern um alle Fragen der Logistik und der Instandhaltung von Systemen – Fahrzeuge, Waffen, aber auch an die Afghanen übergebene Infrastruktur.

Bundeswehr aktuell: Welche Schwerpunkte neben der Rückverlegung verfolgen Sie derzeit, nachdem sich der deutsche Verantwortungsbereich mehr und mehr auf Mazar-e Sharif fokussiert?

Pfeffer: Der Auftrag laut Bundestagsmandat lautet: Unterstützung der afghanischen Partner beim Herstellen der Sicherheit und beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte. Je besser es uns gelingt, die Afghanen in ihren Sicherheitsaufgaben zu beraten und zu unterstützen, so dass sie eigenständig ihre Aufgaben wahrnehmen können, um so schneller und um so einfacher können wir uns zurücknehmen und uns parallel um das Thema Rückverlegung von Material kümmern. Das ist die logische Reihenfolge. Deshalb haben wir auch das höchste Interesse daran, die Verbindung und die Zusammenarbeit mit den Afghanen bis zur letzten Minute so eng wie möglich zu gestalten – mit abnehmenden Fähigkeiten auf unserer Seite, um die Afghanen immer mehr in den Vordergrund rücken zu lassen.

Bundeswehr aktuell: Afghanistan war für Sie zwar Neuland, Sie waren aber auch schon bei SFOR und KFOR in Führungsverantwortung. Was war speziell am Hindukusch anders als auf dem Balkan, und welche Eindrücke nehmen Sie mit?

Pfeffer: Da möchte ich drei Dinge herausstellen. Zum Ersten das Einsatzland, das Umfeld und die afghanische Kultur, die völlig anders sind. Der zweite wesentliche Unterschied ist der hohe Grad der Multinationalität sowie die intensive Partnerschaft mit den afghanischen Sicherheitskräften. Das unterscheidet sich grundlegend von den Einsätzen im Kosovo oder in Bosnien, in denen ich bereits war. Und das Dritte, was ich als Unterschied bezeichnen würde, ist die Professionalität unserer Soldaten vor dem Hintergrund einer deutlich höheren Einsatzintensität: Sie sind in den vergangenen Jahren mit diesem Einsatz gewachsen, man könnte fast sagen "erwachsen" geworden.

Das Interview führte Ronald Rogge für Bundeswehr aktuell.