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Mittwoch, 2. Mai 2012

Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Interview mit dem Westfalen-Blatt

Interview mit:
Bernd Neumann
Medium:
Westfalen-Blatt

Im Interview mit Redakteuren des Westfalen-Blatts sprach Staatsminister Bernd Neumann unter anderem über Weltkulturerbe, Talkshowflut und Urheberrecht.

- Das Interview im Wortlaut. -

Westfalen-Blatt: Herr Staatsminister, an der Kultur wird meistens zuerst gekürzt. Ein so stiefmütterlich behandeltes Ressort zu leiten, muss schlimm sein.

Bernd Neumann: Auf Bundesebene wird die Kultur nicht stiefmütterlich behandelt. Im Gegenteil, ich bin mit großer Freude Kulturstaatsminister, die positive Entwicklung des Kulturhaushalts ist die Basis des Erfolgs. Sehen Sie, es ist ohnehin unsinnig, an der Kultur zu sparen, weil die Kulturausgaben im Schnitt nur 1,9 Prozent der öffentlichen Haushalte ausmachen. Hier gibt es also wenig einzusparen, aber viel kaputt zu machen. Mein Haushalt ist zum siebten Mal in Folge gewachsen. Darum werde ich bei den Treffen mit den 26 Kulturministern Europas regelmäßig beneidet.

Westfalen-Blatt: Müssen Sie hart um die Gelder für Ihr Ressort kämpfen?

Neumann: Im Gegensatz zu den Bereichen Bildung und Soziales ist die Kulturförderung keine Pflichtaufgabe. Wohl und Wehe des Kultursektors hängt stark davon ab, ob die Politiker an den entscheidenden Stellen kulturaffine Menschen sind. Steffen Kampeter beispielsweise hat als haushaltspolitischer Sprecher der CDU/CSUFraktion und seit 2009 als Staatssekretär beim Bundesfinanzminister immer ein Auge darauf gehabt, dass die Kultur nicht zu kurz kommt. Das hat Schule gemacht, und deswegen hat mir das Parlament in jedem Jahr sogar mehr Geld bewilligt, als im Haushaltsentwurf der Regierung ursprünglich vorgesehen war.

Westfalen-Blatt: Und die Kanzlerin, der ja Freude an der Oper bescheinigt wird?

Neumann: Ich habe die volle Unterstützung der Bundeskanzlerin, die mich ein zweites Mal als Kulturstaatsminister berufen hat. Angela Merkel lässt mir freie Hand und Kollegen wie Steffen Kampeter unterstützen mich im politischen Geschäft.

Westfalen-Blatt: Welche kulturellen Projekte fördern Sie, fördert der Bund? Gibt es da Leuchttürme?

Neumann: Mein Herz hängt schon ein wenig an der Förderung des deutschen Films. Aber natürlich setze ich ganz bewusst auch andere Schwerpunkte. Zum Beispiel unterstütze ich durch die Stärkung der Künstlersozialversicherung Kreative, die ja zum Teil mit schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen kämpfen müssen. Nicht jeder ist ein Neo Rauch, ein Malerstar und Großverdiener. Auch viele bedeutende Projekte sind saniert worden. Denken Sie an die Museumsinsel in Berlin, an die Goethe- und Schillerstadt Weimar, an Eisenach mit der Wartburg.

Westfalen-Blatt: Das sind prominente Beispiele aus dem Osten...

Neumann: ... eben, wir haben in den neuen Bundesländern schon viel erreicht, aber dabei auch die alten Bundesländer nie aus den Augen verloren. Als Beispiele nenne ich nur das Weltkulturerbe Zeche Zollverein, das Beethoven-Haus in Bonn oder das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven, das am 21. April seinen Erweiterungsbau eröffnen konnte.

Westfalen-Blatt: Da gibt es ein ehrgeiziges, liebevoll und nachdrücklich betriebenes Projekt in unserer Heimat Ostwestfalen: Die ehemalige Abtei Corvey, das spätere Schloss, soll Weltkulturerbe werden. Was sagen Sie als Bundespolitiker zu Corvey?

Neumann: Die Benennung der Kandidaten und die Erarbeitung des Kulturerbe-Antrags sind Ländersache. Der Bund, in diesem Fall das Auswärtige Amt, überbringt die Vorschläge an die Unesco in Paris. Ich kenne Corvey, seitdem ich als Bremer Schüler dort war. Corvey als Weltkulturerbe – das ist ein angemessener Vorschlag. Mit Blick auf die Bedeutung des Ortes, auf seine Geschichte und seine Architektur muss man sich für die Idee, Corvey zu unterstützen, nicht rechtfertigen.

Westfalen-Blatt: Ganz anders als im Fall des Berliner Stadtschlosses. Wozu brauchen wir das? Seine Nutzung als Humboldt-Forum bleibt vage.

Neumann: Der Bund sieht sich gemeinsam mit Berlin in der Verantwortung, die historische Mitte der deutschen Hauptstadt repräsentativ mit der Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses zu gestalten, so hat es der Bundestag mit großer Mehrheit beschlossen. Dort darf es keinen weißen Fleck geben. Dieser Wiederaufbau wird eine kluge architektonische Verknüpfung von Altem und Neuem werden, seine Faszinationskraft wird bis ins Ausland strahlen. Was das Humboldt-Forum betrifft, werden die konkreten Konzepte erst entwickelt. Aber die Grundidee ist überzeugend, vis-àvis der Museumsinsel, auf der europäische Kunst präsentiert wird, im neuen Schloss die korrespondierenden außereuropäischen Sammlungen zu zeigen.

Westfalen-Blatt: Muss uns das eine halbe Milliarde Euro wert sein?

Neumann: Schon der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin hat über 900 Millionen Euro verschlungen. Da sind die Kosten für den Wiederaufbau des Schlosses in der Mitte unserer Hauptstadt gut zu vertreten, finde ich. Bei einem Haushalt von mehreren hundert Milliarden Euro muss eine Kulturnation wie Deutschland in der Lage sein, ein solches Projekt über mehrere Jahre zu stemmen – wirklich ein Jahrhundertprojekt, das in der Hauptstadt mit dem Humboldt- Forum eine internationale Plattform für einen modernen Dialog mit den Kulturen der Welt schafft.

Westfalen-Blatt: Im Buch »Der Kulturinfarkt« wird behauptet, man könne die Hälfte der deutschen Kultureinrichtungen schließen und die Fördermittel neu verteilen.

Neumann: Die zentralen Aussagen der vier Autoren sind falsch. In Deutschland sind Förderungen keineswegs für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Im Kulturressort wird ständig auch über Veränderungen nachgedacht. Außerdem erwecken die Autoren den Eindruck, es könne eine zentrale Instanz geben, die entscheidet, welches Theater, welches Museum schließt – unmöglich im föderalen System. Schließungen gingen letztlich zu Lasten der Regionen abseits der Metropolen. In Ostwestfalen allerdings scheint genau das Gegenteil zu passieren: Zum neuen Theater Paderborn und zum neuen Theater Gütersloh kann ich nur gratulieren. Respekt!

Westfalen-Blatt: Die »Infarkt«-Autoren wollen nur gefördert wissen, wonach Nachfrage besteht.

Neumann: Das käme einem kulturellen Kahlschlag gleich und wäre das Ende des Zugangs breiter Schichten zur Kultur. Das darf nicht sein. Damit unsere ausgeprägte kulturelle Vielfalt erhalten bleibt und sich weiter entwickeln kann, dürfen wir keinesfalls nur den Mainstream fördern.

Westfalen-Blatt: Und im Fernsehen? Was halten Sie von der Talkshow-Flut in der ARD?

Neumann: Eine ungute Entwicklung. Diese Inflation der Talkrunden ist mit nichts zu rechtfertigen. Der eigentliche Auftrag des öffentlich- rechtlichen Fernsehens ist Information, qualifizierte Unterhaltung und nicht zuletzt auch Kultur.

Westfalen-Blatt: Die Dokumentation über Honecker hatte 4,2 MillionenZuschauer, eine fantastische Quote. Müsste das Fernsehen nicht deshalb viel mehr Dokumentationen zur besten Sendezeit bringen?

Neumann: Keine Frage. Ich war schon immer der Meinung: Gute Dokumentationen gehören ins Hauptprogramm.

Westfalen-Blatt: Daneben werden immer mehr Spartenkanäle geschaffen. Mit Ministerpräsident Kurt Beck sind Sie sich in der Ablehnung dieser Sender einig. Was stört Sie an denen?

Neumann: Prinzipiell nichts, aber der erste Auftrag geht eben an das Hauptprogramm. Ich sehe die Gefahr, dass Substantielles in die zusätzlichen Nebenkanäle gedrängt wird. Wir haben doch bereits Phoenix, 3sat und Arte: hervorragende Möglichkeiten für neue Inhalte. Ich bin gegen höhere Gebühren, die man braucht, um zusätzliche Kanäle zu finanzieren. Ich wehre mich gegen die schleichende Entqualifizierung des Hauptprogramms. Es kann nicht angehen, dass wir am Ende für jedes Thema einen eigenen Fernsehkanal unterhalten müssen.

Westfalen-Blatt: Was antworten Sie einem Mitglied der Piratenpartei, das fordert, geistige Inhalte müssten jedem Bürger kostenlos zur Verfügung gestellt werden?

Neumann: Dass er damit allen Künstlern, die es mehrheitlich ohnehin nicht leicht haben, die Existenzgrundlage entzieht. Ich lehne Forderungen ab, die auf der Annahme gründen, geistiges Eigentum bedürfe des Schutzes nicht mehr. Mir scheint, dass die Piraten unser bewährtes System überhaupt nicht verstanden haben. Wir müssen unser Urheberrecht zwar gewandelten Bedingungen anpassen, aber eines ist doch klar: Kreative Leistungen sind angemessen zu honorieren. Das gilt nicht nur für den analogen Bereich, sondern ganz genauso für den virtuellen im Internet.