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Freitag, 1. Oktober 2010

"Potenziale von Menschen aus anderen Herkunftsländern erschließen"

Interview mit:
AltHeinrich
Medium:
in "Magazin für Soziales, Familie und Bildung"

"Wir sollten uns den Ressourcen von Migranten zuwenden", fordert das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt. Der Schlüssel zur Integration in den Arbeitsmarkt sei Bildung, betont Alt im Interview mit dem elektronischen Magazin der Bundesregierung für "Soziales, Familie und Bildung".

Magazin für "Soziales, Familie und Bildung": Menschen mit Migrationshintergrund haben es oft schwer, in den Arbeitsmarkt zu kommen. Können Sie dies für die Bundesagentur für Arbeit (BA) bestätigen?Heinrich Alt: In der Tat. Die Gruppe der arbeitslosen Ausländer ist eine der größten und auch eine der stabilsten in unserer Arbeitsmarktstatistik. Die Arbeitslosenquote von Ausländern ist mit 15,5 Prozent doppelt so hoch wie die der Deutschen. Jeder Dritte ist langzeitarbeitslos. Hinzu kommt, dass von den rund 500.000 arbeitslosen Ausländern fast 80 Prozent keine abgeschlossene oder anerkannte Berufsausbildung hat. Fehlende Schulabschlüsse und geringere Qualifikationen jedoch erschweren es, eine Arbeit oder Ausbildung zu bekommen. Hinzu kommen Sprachdefizite, auch in der zweiten oder dritten Generation, wobei dies zwischen den Nationalitäten unterschiedlich ist. Schon in den Beratungsgesprächen stoßen die Vermittlungsfachkräfte in den Jobcentern und Arbeitsagenturen wegen der Sprache oftmals an ihre Grenzen. Daher wollen wir dort mehr Kolleginnen und Kollegen mit ausländischen Wurzeln beschäftigen. Denn es darf am Ende nicht an der Verständigung scheitern. Magazin: Sind die arbeitslosen Migranten integrationsunwillig?Alt: Nein. Es gibt aus meiner Erfahrung keine Unterschiede in der Motivation zwischen Ausländern oder Deutschen. Es wird immer mehr oder weniger motivierte Arbeitsuchende geben, aber unabhängig jeglicher Herkunft oder Religion.Magazin: Worin liegt also der Schlüssel zur Integration?Alt: Der Schlüssel für eine Integration ist und bleibt die Bildung. Und die Situation vieler Migranten im Bildungssektor ist dramatisch. Darauf weist auch der aktuelle Bericht zur Lage der Ausländer in Deutschland hin. Wir müssen stärker in die frühzeitige Bildung investieren. Kinder sollten so früh wie möglich die deutsche Sprache lernen, damit sie erfolgreich am Bildungs- und Ausbildungssystem teilnehmen können.Magazin: Was bedeutet das für die BA? Wie will sie die Migranten besser in den Arbeitsmarkt integrieren?Alt: An erster Stelle kann man sicherlich die Deutschsprachkurse nennen. Ansonsten setzen wir mit unseren klassischen Instrumenten an, wie Weiterbildung, Trainingsmaßnahmen oder berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen. Aber gerade bei den Bemühungen um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund müssen wir über die „normale“ Arbeitsmarktpolitik hinaus denken und handeln. Das geht zum Beispiel über Zusammenarbeit mit türkischen Generalkonsulaten. Ebenso über Kooperationen mit ausländischen Medien. Beide können hilfreich sein, um Migranten gezielt anzusprechen und Integrationswege aufzuzeigen. Andererseits hilft auch, wenn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker auf das Thema sensibilisiert sind. Darum bemühen wir uns auch. Selbst unsere Informationsbroschüren und das Internetangebot der Jobbörse stehen mittlerweile mehrsprachig zur Verfügung.Magazin: Können Sie eine besonders erfolgreiche Maßnahme näher erläutern?Alt: Stellvertretend für viele Maßnahmen möchte ich das Projekt „GINCO“ nennen. „GINCO“ steht für ein „Ganzheitliches Integrationscoaching“. Es richtet sich vor allem an Jugendliche mit Migrationshintergrund. In praktischen Projekten vermitteln wir ihnen den Wert ihrer Arbeit. Das ist wichtig, denn sie sollen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln und ihre Kompetenzen ausbauen. Um gezielt zu unterstützen, werden sie von einem Coach intensiv begleitet. Der Coach berät bei Schulproblemen und bei der Wahl des Ausbildungsberufes. Er setzt sich dafür ein, dass die Jugendlichen bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungs- und Arbeitsplatz Hilfe erhalten. Auch darüber hinaus wird er von dem Coach unterstützt. So wollen wir sicherstellen, dass selbst vereinzelte unmotivierte Jugendliche die Stelle nicht sofort hinschmeißen. Bundesweit läuft dieses Projekt an 14 Standorten, hauptsächlich in Städten mit einem hohen Anteil an Migranten, wie zum Beispiel Hamburg, Köln oder Mannheim.Magazin: Wie sieht es mit den hochqualifizierten Migranten aus?Alt: Rund zehn Prozent der erwerbslosen Migranten sind hochqualifiziert, bei den Deutschen sind es drei Prozent. Der Vergleich zeigt, dass der Übergang in Arbeit für gut qualifizierte Migranten schwerer ist.  Aktuelle Studien zeigen, dass ein fremdsprachiger Nachname im Bewerbungsverfahren oft Nachteile bringt. Hier kann das anonymisierte Bewerbungsverfahren zu mehr Chancengleichheit beitragen. Wichtig ist, Personalverantwortliche in Verwaltungen und Betrieben hierauf zu sensibilisieren. Es gibt allerdings immer mehr Unternehmen, die Vielfalt als Chance und als wichtige Personalstrategie ansehen. Das macht uns Mut.Magazin: Stellt die Anerkennung von Studienabschlüssen ein Problem dar?Alt: Das Anerkennungsverfahren für ausländische Bildungsabschlüsse ist kompliziert und auch für unsere Beratungsfachkräfte in den Arbeitsagenturen und Jobcentern sehr unübersichtlich. Es wäre schön, hier mehr Transparenz reinzubringen. Es ist aber kein Allheilmittel, um die Beschäftigungsprobleme von Migranten zu überwinden.Magazin: Es machen sich sehr viele Migranten in Deutschland selbstständig. Wie hilft die BA diesen Gründern?Alt: Natürlich beraten und unterstützen unsere Vermittlungsfachkräfte. Dabei geht es hauptsächlich darum, vorhandene lokale Angebote transparent zu machen. Sowohl Kammern als auch Länder haben auf dem Gebiet der Existenzgründungsförderung eine hohe Expertise. Natürlich können wir  den Schritt in die Selbstständigkeit auch finanziell unterstützen, sei es über den Gründungszuschuss oder über das Einstiegsgeld.Magazin: Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?Alt: Jede einzelne Integration ist ein Erfolg. Schließlich ist mit jeder Vermittlung auch ein persönliches Schicksal und eine eigene Erfolgsgeschichte verbunden. Rückblickend würde ich schon mit Stolz sagen, dass die BA heute deutlich professioneller die Potenziale von Arbeitsuchenden mit ausländischen Wurzeln erkennt und nutzt. Wir selbst versuchen auch mit gutem Beispiel voran zu gehen. Unsere eigene Personalpolitik steht unter dem Motto „kulturelle Vielfalt“. Wir werben bei Neueinstellungen um Menschen mit Migrationshintergrund. Mittlerweile haben wir einem Anteil von rund acht Prozent. Ausbaufähig, aber für eine öffentliche Verwaltung schon eine neue und vor allem notwendige Ausrichtung.Magazin: Was bleibt noch zu tun?Alt: Es muss gelingen, den Blickwinkel zu ändern. Wir sollten Defizite und unzureichende Kompetenzen nicht nur diskutieren, sondern uns den Ressourcen von Migranten zuwenden. Wir müssen die Potenziale von Menschen aus anderen Herkunftsländern für den Arbeitsmarkt erschließen. Gerade in Zeiten der Globalisierung und Vernetzung von Arbeits- und Wirtschaftsräumen wird das immer wichtiger.