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Freitag, 24. September 2010

Leichtere Anerkennung für ausländische Abschlüsse

Interview mit:
Maria Böhmer
Medium:
Handelsblatt

Akademiker aus dem Ausland sollen auch hierzulande in ihrem Beruf arbeiten können. Dafür will die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, mit einem neuen Gesetz sorgen. Im Handelsblatt-Interview erläutert Böhmer auch, wie sie mehr Jugendliche aus Zuwandererfamilien zum Studieren bringen will.

Handelsblatt: Ärgert es Sie, dass Sie in der von Thilo Sarrazin ausgelösten Diskussion um Kopftuchmädchen und Parallelgesellschaften ihren Kopf für eine jahrzehntelang verfehlte Ausländerpolitik hinhalten müssen?

Maria Böhmer: Ich glaube nicht, dass ich dafür meinen Kopf hinhalten muss. Auf den eklatanten Bildungsrückstand bei den Migranten, den Herr Sarrazin kritisiert, weise ich schon seit Amtsantritt vor fünf Jahren hin: 40 Prozent der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien haben keinerlei berufliche Qualifizierung. Was mich an Sarrazin ärgert, ist, dass er die Integration der Migranten pauschal als gescheitert erklärt.

Integration erfolgt über den Arbeitsmarkt. Doch ohne Bildung keine Arbeit - auch wenn die Wirtschaft dringend Ingenieure, IT-Spezialisten oder Forscher sucht. Wer wird diese Stellen denn einmal besetzen?

Böhmer: Wir verfolgen einen doppelten Ansatz. Wir wollen alles daransetzen, dass möglichst viele Jugendliche aus Zuwandererfamilien gute Bildungsabschlüsse erreichen und die Zahl der Abiturienten und Studenten zunimmt.

Handelsblatt: Wie soll das funktionieren?

 Böhmer: Dazu müssen wir schon im Kindergarten mit der Förderung beginnen. Und die Eltern einbeziehen. Sie müssen wissen, dass es in unserem Land unverzichtbar ist, eine gute Ausbildung zu haben. Damit die individuelle Förderung in Schulen mit einem hohen Migrantenanteil gelingt, brauchen wir mehr Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter, mehr Ganztagsangebote sowie eine intensivere Elternarbeit.

Handelsblatt: Was tun Sie noch?

Böhmer: Es gibt schon allein etwa 500.000 Migranten, deren im Ausland erworbener akademischer Abschluss bei uns nicht anerkannt wird. Jeder kennt das Beispiel des Taxifahrers aus dem Irak, der zuhause als Ingenieur gearbeitet hat, oder von der ukrainischen Ärztin, die hier nur als Pflegekraft arbeiten kann. Diese Verschwendung von Ressourcen können wir uns nicht mehr leisten.

Handelsblatt: Wie wollen Sie das ändern?

Böhmer: Bis Ende 2010 wollen wir einen Gesetzentwurf vorlegen, in dem Ausländer aus Drittstaaten - so wie schon EU-Bürger und Aussiedler - einen Rechtsanspruch auf ein Anerkennungsverfahren ihrer beruflichen Qualifikation bekommen. Es darf nicht länger als sechs Monate dauern.

Handelsblatt: Wann soll das neue Gesetz in Kraft treten?

Böhmer: Im kommenden Jahr.

Handelsblatt: Was ist, wenn dem Taxifahrer Wissen fehlt, um in Deutschland als Ingenieur zu arbeiten?

Böhmer: Je nach Qualifikationsnachweis und beruflicher Erfahrung bekommt er eine Teilanerkennung und kann dann sofort etwa als Techniker anfangen oder aber er qualifiziert sich weiter.

Handelsblatt: Wer soll das prüfen?

Böhmer: Wir prüfen gemeinsam mit den Bundesländern, eine Erstanlaufstelle einzurichten, die Migranten den Weg in und durch die Verfahren und zu den zuständigen Behörden weist und sie hinsichtlich ihrer Arbeitsmarktintegration berät. Dazu gibt es im Saarland ein Modellprojekt.

Handelsblatt: Ein solches Gesetz dürfte die unter Fachkräfte-Mangel leidende Wirtschaft begrüßen. Der Druck ist offenbar so groß, dass Arbeitgeber sogar um bislang verschmähte Gruppen werben, wie auch Ihre Initiative „Charta der Vielfalt" zeigt. Was genau hat es damit auf sich?

Böhmer: Rund 870 Unternehmen haben sich freiwillig verpflichtet, ihre Belegschaft bis in die Spitze vielfältiger als zuvor zusammenzusetzen.

Handelsblatt: Kein Lippenbekenntnis?

Böhmer: Nein, wir bieten ihnen die Austauschmöglichkeit in einem Netzwerk Gleichgesinnter. So erfahren Konzerne, aber auch Mittelständler oder Kleinunternehmer voneinander, welche Maßnahmen geholfen haben, um unterschiedlichste Talente zu gewinnen, zu fördern und zu halten.

Handelsblatt: Lassen Sie uns konkret werden. Ließ sich dadurch zum Beispiel die Zahl der Manager mit Migrationshintergrund in den Dax-Unternehmen deutlich steigern?

Böhmer: Solche Erhebungen haben wir bislang nicht gemacht.

Handelsblatt: In Sachen Frauenförderung ist inzwischen eine verbindliche Quote im Gespräch, brauchen wir analog dazu nun auch eine „Ausländerquote" für das Top-Management?

Böhmer: Nein, jedes Unternehmen muss das selbst entscheiden.

Handelsblatt: Was halten Sie von der anonymisierten Bewerbung, um Vorurteile etwa gegenüber Kandidaten mit Migrationshintergrund auszuschalten?

Böhmer: Ich befürworte bewusst einen anderen Weg. Wenn Arbeitgeber von mehr Vielfalt in ihrem Unternehmen profitieren wollen und deshalb Bewerber mit ausländischer Herkunft suchen, können sie mit der anonymisierten Bewerbung doch überhaupt nichts anfangen.