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Donnerstag, 11. März 2010

Bologna-Studiengänge nachbessern

Interviewter:
Annette Schavan
Medium:
Handelsblatt

Bundesbildungsministerin Annette Schavan will sich auf der internationalen Bologna-Konferenz in Budapest auch dafür einsetzen, die Lehre zu stärken. Wissenschaftsminister aus 46 Staaten ziehen dann eine Bilanz des Bachelor-Studiums. Es gibt Positives, aber auch viele Defizite - vor allem bei der Vergleichbarkeit der Studienleistungen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Frau Ministerin, es besteht Einigkeit darüber, dass die Bologna-Studiengänge verbessert werden müssen. Welche Korrekturen halten Sie für erfolgversprechend?

Annette Schavan: Erfolgversprechend sind die Überprüfung eines angemessenen Umfangs der Inhalte und Prüfungen sowie der zu starken Spezialisierung. Wichtig ist mir auch, dass die bislang wenig beachteten 15 Prozent an Studieninhalten, verankert im Bologna-Vertrag, die für ein „Studium fundamentale" (etwa ethische Bildung bei Medizinern) vorgesehen sind, auch tatsächlich verwirklicht werden. Darin realisiert sich der Bildungsanspruch, der über das Fachwissen hinausgeht. Dazu haben sich 15 europäische Universitäten, darunter auch solche in Deutschland, zusammengeschlossen, um curriculare Impulse zu erarbeiten.

FAZ: Der Bachelor-Studiengang soll berufsqualifizierend oder zumindest berufsbefähigend sein. Können die Universitäten diese Aufgabe, die eigentlich an die Fachhochschulen gehört, erfüllen?

Schavan: Berufsqualifizierung war nie nur Sache der Fachhochschulen. Juristen, Architekten, Mediziner, Ingenieure ? sie alle werden an Universitäten auf ihren Beruf vorbereitet. Neu ist, dass es bereits nach drei oder vier Jahren mit dem Bachelor eine erste Berufsbefähigung gibt. Im Vergleich zu den früheren Regelstudienzeiten ist das machbar, wenngleich im Blick auf Inhalte und Methoden der Lehre anspruchsvoll.

FAZ: Woher soll das Geld für den in den siebziger und achtziger Jahren verpassten Fachhochschulausbau kommen?

Schavan: Der mit den Ländern vereinbarte Hochschulpakt 2020 setzt einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Studiermöglichkeiten an Fachhochschulen. Diese Maßnahmen haben Erfolg: Nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist im vergangenen Jahr die Zahl der Studienanfänger an Fachhochschulen gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent gestiegen - der Aufwuchs war damit fast doppelt so hoch wie an den Universitäten (plus fünf Prozent).

FAZ: Halten Sie Ausgründungen für die Bachelor-Studiengänge für sinnvoll?

Schavan: Bei Einführung der Studienstrukturreform ist in Deutschland nicht an solche Ausgründungen von Colleges im Kontext der Universität gedacht worden. Das aber ist durchaus möglich und könnte der Besonderheit Rechnung tragen, dass in dieser Studienphase die Exzellenz und Kreativität in der Lehre eine wichtige Rolle spielt.

FAZ: Zu den Erfolgsfaktoren angelsächsischer Studiengänge gehört das Tutoren- und Mentorensystem. Seit der Einführung der Juniorprofessur gibt es keine Assistentenstellen mehr. Woher soll der vor Jahrzehnten weggekürzte akademische Mittelbau kommen?


Schavan: Das ist eine Schwachstelle, die schon vorher bestand, aber mit der neuen Studienstruktur besonders deutlich wird. Deshalb habe ich den Ländern die dritte Säule im Hochschulpakt angeboten, die hier ansetzt und eine neue Personalstruktur im Blick auf überzeugende Konzepte der Lehre ermöglicht. Wo die Betreuungsrelation nicht stimmt, also besonders in den Geisteswissenschaften, können dann Stellen für Tutoren und Mentoren geschaffen werden.

FAZ: Wie erklären Sie sich den absurden Zustand, dass ein Wechsel von Berlin nach Potsdam während des Bachelor-Studiums nicht mehr möglich ist?

Schavan: Wenn der Studiengang an beiden Universitäten besteht, ist das nur erklärbar durch ein zu hohes Maß an Spezialisierung. Damit wird ein wichtiges Ziel der Bologna-Reform, die Mobilität, konterkariert. Deshalb gehört zu den Korrekturen auch, dass Fakultäten und Fachgesellschaften über vergleichbare Inhalte reden. Das Curriculum muss nicht identisch sein, gleichwohl aber kompatibel.

FAZ: Welchen Ausweg aus den Mobilitätsbeschränkungen sehen Sie?

Schavan: Sicherlich keine staatlichen Vorgaben für Inhalte von Studiengängen. Das bleibt Sache der Hochschulen. Sie müssen sich um Transparenz bemühen. Dann wissen die Studierenden bei Studienbeginn, dass sie die Grundlagen eines Faches lernen, die weltweit anerkannt sind und mit denen sie auch an jede andere Hochschule wechseln können. Für diese Transparenz zu sorgen, das ist Aufgabe der Akkreditierungsagenturen. Nur wenn drin ist, was draufsteht, darf ein Studiengang akkreditiert werden.

FAZ: Für gute Lehre gibt es keine validen Kriterien, das hat der Wissenschaftsrat bestätigt. Der Bund legt ein Qualitätsprogramm für die Lehre auf. Nach welchen Kriterien sollen die zwei Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren vergeben werden?

Schavan: Zu einer höheren Wertschätzung für die Lehre gehört auch, bereits bestehende Kriterien für gute Lehre anzuerkennen und die Hochschuldidaktik konsequent weiterzuentwickeln. Deshalb wird zum Programm auch gehören, entsprechende Kompetenzzentren in den Hochschulen zu fördern.

FAZ: Die Hochschulrektorenkonferenz hat die Einrichtung von Akkreditierungsagenturen schon im Jahr 1998 beschlossen, als die konsekutiven Studiengänge noch gar nicht eingeführt waren. Welche Alternative zur Qualitätskontrolle sehen Sie?

Schavan: In einem internationalen Hochschulraum brauchen wir unabhängige Agenturen, die den Studierenden bescheinigen, dass ein Studiengang international kompatibel ist. Wenn das nicht funktioniert, dann muss auch die Arbeit der Akkreditierungsagenturen überprüft werden. Der Wissenschaftsrat wird sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. Das ist die Grundlage für Korrekturen.

FAZ: Damit steht und fällt die Glaubwürdigkeit der Bologna-Reform. Was erwarten Sie konkret von der Bologna-Konferenz in Budapest?

Schavan: Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz steht die internationale Evaluation des Bologna-Prozesses. Wir haben in Deutschland damit bereits in den letzten Monaten begonnen. Wichtig ist mir, dass wir hierbei besonders die Erfahrungen von Studierenden einbeziehen, gute Beispiele für gelungene neue Studiengänge öffentlich machen und konsequent Defizite beheben. Allerdings gehört zur Bilanz auch, dass 75 Prozent der Studierenden in den neuen Studiengängen die Studienstrukturreform positiv bewerten. Wir werden uns in einer Bologna-Konferenz am 17. Mai mit den Ergebnissen der Beratungen in den Hochschulen während der vergangenen Monate beschäftigen und auf nachprüfbare Ziele und Maßnahmen verpflichten. Je konkreter wir sind, umso mehr werden auch die Chancen der Bologna-Reform sichtbar werden.

Die Fragen stellte Heike Schmoll.