Ansprache des Präsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert, in der gemeinsamen Sitzung von Assemblée nationale und Deutschem Bundestag zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages am 22. Januar 2013 in Berlin:
- Datum:
- 22.01.2013
- Bulletin
- 07-2
Monsieur le Président de la République française!
Herr Bundespräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Monsieur le Premier Ministre!
Monsieur le Président du Sénat!
Herr Bundesratspräsident!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Verehrte Gäste!
Auch im Namen des Präsidenten der Assemblée nationale, Claude Bartolone, begrüße ich Sie alle herzlich zu der gemeinsamen Sitzung des Deutschen Bundestages und der französischen Nationalversammlung im Reichstagsgebäude in Berlin aus Anlass des 50. Jahrestages des Élysée-Vertrages vom 22. Januar 1963.
50 Jahre Élysée-Vertrag, 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft: Wer ein Gespür für die Bedeutung von 50 Jahren in der jüngeren europäischen Geschichte hat, kann das nicht nur für eine runde Zahl oder gar für ein beliebiges Ereignis halten. Das vergangene halbe Jahrhundert markiert vielmehr eine grundlegende historische Wende in den Beziehungen unserer Länder, in der Geschichte Europas. Deshalb begrüße ich besonders gerne auf der Ehrentribüne den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, und weitere Mitglieder des Europäischen Parlaments als Repräsentanten aller in der Union vereinten Europäer.
Wir freuen uns über die Teilnahme vieler Botschafter und Gesandter aus zahlreichen Ländern innerhalb und außerhalb der europäischen Gemeinschaft, über die Teilnahme vieler Ehrengäste; stellvertretend für alle nenne ich Richard von Weizsäcker und Rita Süssmuth.
Vor zehn Jahren sind unsere beiden Parlamente auf Einladung unserer französischen Freunde in Versailles zusammengetroffen – eine große Geste der Überwindung der wechselseitigen historischen Kränkungen von 1871 und 1919, die jeweils mit dem Namen Versailles verbunden sind.
Heute tagen wir in Berlin, der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, dessen staatliche Einheit es ohne die Aussöhnung zwischen unseren beiden Ländern nicht geben würde. Wir haben uns längst an einen Zustand des dauerhaften Friedens, der Freundschaft und Zusammenarbeit in einer Europäischen Union demokratischer Staaten gewöhnt, die die meisten Menschen in unseren Ländern längst für eine schiere Selbstverständlichkeit halten, weil sie in ihrer persönlichen Biografie nie andere Verhältnisse kennengelernt haben als diese.
1963 war die erste Nachkriegsgeneration noch nicht einmal volljährig. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle schlossen den Vertrag – ich zitiere aus ihrer damaligen Gemeinsamen Erklärung –
„… in der Überzeugung, daß die Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk, die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet, ein geschichtliches Ereignis darstellt, das das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet …“
Adenauer wurde wenige Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 geboren. Wie er erlebten mehrere Generationen von Deutschen und Franzosen in der gleichen kurzen Zeitspanne von 50 Jahren zwei Weltkriege mit verheerenden Folgen für beide Länder. Heute ist das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet. So wie Europa sich in der Vergangenheit auf die alte, immer wieder aufbrechende Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich einstellen musste, so kann und muss es sich für die Zukunft auf die Partnerschaft und die Zusammenarbeit dieser beiden großen Nachbarländer verlassen.
Wer die Bedeutung von 50 Jahren Freundschaft zwischen zwei Ländern ermessen will, die in Europa über Jahrhunderte hinweg als Dauerrivalen oder gar als Erbfeinde galten, der sollte sich vielleicht an die geradezu beschwörenden Worte von Winston Churchill unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern:
„Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein.“
Das sagte Churchill in seiner berühmten Rede 1946 in Zürich an die Jugend Europas. Frankreich und Deutschland sind dieser damals ebenso kühnen wie weitsichtigen Aufforderung eines großen britischen Premierministers gefolgt, schon Anfang der 1950er Jahre mit der von Robert Schuman entwickelten Montanunion.
Als der Élysée-Vertrag 1963 geschlossen wurde, hofften wir, dass tatsächlich eine neue Etappe in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen beginnen würde. Heute wissen wir – und wissen es noch besser als damals –, welche Bedeutung die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft nicht nur für das Verhältnis unserer beiden Länder, sondern für Europa im Ganzen bekommen sollte. Für die Zukunft Europas bleibt die deutsch-französische Verständigung unverzichtbar, gerade weil diese beiden Länder eben nicht immer gleiche, sondern durchaus unterschiedliche Interessen, Traditionen und Vorstellungen haben.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in jeder langjährigen stabilen Beziehung gibt es Phasen der Leidenschaft und solche der Vernunft. Im Augenblick befinden sich unsere beiden Länder eher in einer Phase der – sagen wir einmal – leidenschaftlichen Vernunft als der romantischen Verliebtheit. Das muss kein Nachteil sein. Unsere Nachbarn in Europa und unsere Partner in der Welt können mit der Normalisierung der Beziehungen zwischen uns und Ihnen sehr gut leben, besser als jemals zuvor in der europäischen Geschichte.
Heute verbinden wir die Feier einer 50-jährigen Freundschaft und Zusammenarbeit mit einem Appell an die Jugend Europas. An ihnen, den jungen Franzosen und Deutschen, die heute zur Schule oder zur Universität gehen, die in Betrieben und Unternehmen eine möglichst gute Berufsausbildung erhalten, liegt es, was aus diesem großen Vermächtnis in der Zukunft wird. Dafür steht auch die beispiellose Erfolgsgeschichte des Deutsch-Französischen Jugendwerks, das erfreulicherweise immer häufiger und immer stärker auch junge Leute aus den mittel- und osteuropäischen Ländern sowie den Mittelmeerstaaten in die gemeinsamen Programme und Aktivitäten einbezieht, so auch bei dem dreitägigen Jugendforum, das mit 150 Teilnehmern seit Samstag hier in Berlin stattfindet. Ich möchte den Teilnehmern dieses Jugendparlaments von hier aus unsere gemeinsamen herzlichen Grüße übermitteln.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste, für die heutige Generation sind die engen freundschaftlichen Bande und die Freizügigkeit in ganz Europa völlig normal; selbstverständlich sind sie nicht. Sie sind es nicht vor der wechselhaften Geschichte beider Völker, und sie sind es in den internationalen Beziehungen auch heute nicht. Albert Camus, der große französische Autor, an dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr erinnern, hat einmal gesagt:
„L'homme n'est rien en lui-même. Il n'est qu'une chance infinie. Mais il est le responsable infini de cette chance.”
„Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.“
Das ist, denke ich, ein schönes Motto für die nächsten 50 Jahre.
Angesichts der europäischen Geschichte hat der deutsch-französische Vertrag von 1963 natürlich einen Wert an sich, aber er bietet auch und gerade beinahe grenzenlose Chancen für die Zukunft. Verantwortlich aber sind wir alle, Deutsche wie Franzosen gemeinsam als verlässliche Partner in einem vereinten Europa.
Ihnen allen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ein herzliches Willkommen und Dank für die Teilnahme an dieser festlichen Sitzung unserer beiden Parlamente.
Nun bitte ich den Herrn Staatspräsidenten und im Anschluss daran die Frau Bundeskanzlerin um ihre Ansprachen.
