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Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, zum deutschen Berufsbildungssystem – Versicherung gegen Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel vor dem Deutschen Bundestag am 17. Januar 2013 in Berlin:

Datum:
17.01.2013
Bulletin
06-3

Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine Damen und Herren!

Die Sicherung der Zukunftschancen der jungen Generation gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Gesellschaft und der Politik.

Wir erfahren es immer deutlicher: Einen wesentlichen Beitrag zu diesen Zukunftschancen der jungen Generation leisten die berufliche Bildung, die duale Ausbildung, die Kooperation der Lernorte, die Unternehmen und die Schule. Deshalb gehört an den Beginn jeder Rede zur beruflichen Bildung der Dank an die vielen, die in unseren Unternehmen ausbilden, sowie der Appell, dass wir diese Erfolgsgeschichte der Ausbildung in Deutschland fortschreiben.

Im Oktober haben wir hier schon einmal darüber diskutiert. Dabei ist auch die ganze Palette der Einzelfragen debattiert worden. Wir haben gute Zahlen: Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt bei 551 271. Die Zahl junger Leute im Übergangssystem ist seit dem Jahr 2005 um 30 Prozent zurückgegangen. Bei der Benachteiligtenförderung sind wir erfolgreich; die Bildungsketten finden eine große Akzeptanz. Das zeigt, dass wir uns um Jugendliche, die sich schwertun, zu einem frühen Zeitpunkt kümmern, sie begleiten und Sorge dafür tragen, dass sie in eine Ausbildung kommen. Außerdem haben wir eine Reduzierung der Zahl derjenigen zu verzeichnen, die keinen Schulabschluss haben.

Wir wissen – Herr Brase hat es damals schon gesagt –, dass gute Zahlen viele Gründe haben. Dazu gehört die Demografie. Dazu gehört aber auch kluge Politik. Was ist also bisher erreicht worden? Was liegt noch vor uns? Was wollen wir bewältigen?

Erreicht worden ist in allen Bereichen und in allen Regionen Deutschlands eine deutliche Verbesserung der Situation von jungen Leuten und deren Chancen.

Die Einstellung hat sich sowohl international als auch in Europa geändert. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Eindruck erweckt werden konnte, dass der Prozentsatz derer, die einen Hochschulabschluss erreicht haben, über die Leistungsfähigkeit eines Bildungssystems entscheidet. Wir wissen heute: Die Leistungsfähigkeit eines -Bildungssystems ist ganz wesentlich abhängig von der Korrespondenz zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem. Deshalb ist die Internationalisierung der beruflichen Bildung voll im Gang. Das ist ebenfalls ein großer Erfolg, auch mit Blick auf die Veränderung der Mentalität.

Was wird wichtig? Woran arbeiten wir? Ziel ist die Europäisierung. Im Dezember hat hier eine Konferenz unter Beteiligung von sechs europäischen Ländern stattgefunden. Wir brauchen das EU-Starter-Programm. Wir brauchen eine Strategie aller Länder, um den 7,5 Millionen Jugendlichen im Alter von bis zu 25 Jahren in Europa eine Chance auf einen Einstieg in Qualifizierung und in Ausbildung zu geben. Viele Ausbildungsplätze sind in Deutschland zur Verfügung gestellt worden. Das ist aber nur ein kleiner Teil. Der größere Teil ist in den entsprechenden Ländern zur Verfügung gestellt worden.

Es gilt für südeuropäische Länder ebenso wie für Länder im Norden Europas wie Dänemark, Voraussetzungen zu schaffen, um diesen Teil eines leistungsfähigen, modernen Bildungssystems auf-zubauen. Die Europäisierung der beruflichen Bildung wird uns in den nächsten Monaten – und ich behaupte, auch in den nächsten Jahren – noch stark beschäftigen.

Zweiter Punkt. Ich habe von dem 30-prozentigen Rückgang der Zahl junger Leute im Übergangssystem gesprochen. Unser Ziel muss sein, in den nächsten zwei, drei Jahren das Übergangssystem auf null zu bringen, das heißt, eine wirkliche Korrespondenz zu gewährleisten: Schulabschluss und dann Einstieg in die duale Ausbildung.

Drittens. Wir wollen erreichen, dass die guten Erfahrungen mit den Bildungsketten dazu führen, dass überall, flächendeckend, entsprechende Angebote gemacht werden. Die Initiative hat jetzt 450 000 Jugendliche erreicht. 18 000 Jugendliche werden durch Berufseinstiegsbegleiter eng betreut. Schon der Titel „Berufseinstiegsbegleiter“ macht deutlich: In der Benachteiligtenförderung, also im Umgang mit denen, die sich schwertun, dürfen wir nicht mit großen Gruppen arbeiten, sondern wir müssen immer stärker individuell begleiten. Das ist anspruchsvoll – es gibt übrigens viele, die das nahezu ehrenamtlich tun –, aber es zeigt sich: Das ist der wirksamste Weg, junge Menschen zu ermutigen und ihnen eine Art Navigationsmöglichkeit an die Hand zu geben. Das soll überall in Deutschland möglich werden.

Viertens. Wir arbeiten weiter an der Durchlässigkeit zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung. 16 Länder haben formal die bisher beim Übergang von der beruflichen Bildung zu einem Hochschulstudium bestehende Hürde abgebaut.

Es sind viele konkrete Voraussetzungen, etwa bei der Studieneingangsphase, notwendig, damit derjenige, der aus dem Berufsleben kommt, im Studium tatsächlich erfolgreich sein kann. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn es um Weiterbildung geht, dann werden die Institutionen der beruflichen und der allgemeinen Bildung immer stärker zusammenarbeiten.

Herzlichen Dank an alle, auch im Ausschuss, die ihren Schwerpunkt auf die berufliche Bildung legen. Deutschland spielt nicht nur nach innen, sondern immer stärker auch nach außen – zunächst in Europa, aber auch in Ländern wie Indien, China und anderen – eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Möglichkeiten der Teilnahme an moderner, weiterentwickelter beruflicher Bildung zu eröffnen. Damit leisten wir einen gewichtigen Beitrag für die Sicherung der Zukunftschancen der jungen Generation.

Vielen Dank.