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Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Empfang zum 50. Geburtstag von Bundesminister Dr. Guido Westerwelle am 18. Januar 2012 in Berlin:

Datum:
18.01.2012
Bulletin
04-2

Lieber Guido,
lieber Michael,
liebe Cathy Ashton,
meine Damen und Herren!

Was sagt uns die Auswahl des Ortes? Da mit ihm eine klassische Berliner Geschichte verbunden ist, kann das als Reverenz von Guido Westerwelle, dem Rheinländer, an die deutsche Hauptstadt angesehen werden. Hier stand früher das Tempodrom. Nach der Entscheidung für Berlin als Bundeshauptstadt wurde das Kanzleramt gebaut, weshalb das Tempodrom wegmusste. Soweit war die Sache klar. Selbstverständlich musste das Tempodrom an anderer Stelle wiederaufgebaut werden – auch klar. Selbstverständlich gab es darüber einen Untersuchungsausschuss im Parlament – auch klar. Und selbstverständlich dauerte der Bau des Kanzleramts länger als erwartet, also musste an den leeren Platz wieder etwas hin. Und selbstverständlich hat man gedacht: Mit einem Zelt fällt man nicht so auf. Und selbstverständlich wird einem dann jährlich die Frage gestellt: Können wir es verlängern? Und selbstverständlich darf man als Kanzlerin niemals sagen: Nein. Ich frage aber auch immer: Was hat der Regierende Bürgermeister gesagt? Natürlich hat er „Ja“ gesagt. Dann sage ich: Ja, okay, das TIPI – super. So wird aus einem nomadischen Lebensstil eine Konstante. Und vielleicht ist das ja auch gerade typisch für den 50. Geburtstag von Guido Westerwelle, so in der Mitte des Lebens.

Lieber Guido, als ich dich kennenlernte – Philipp hat ja schon darüber gesprochen –, da bist du mir dadurch aufgefallen, dass du aus dem Koalitionsausschuss rausflogst. Und ich war hin- und hergerissen: Einerseits habe ich dich bewundert, weil du so eiskalt alles durchgestochen hast, was wir damals zu den Bonner Medien gesagt haben. Und da ich zu der Sorte Mensch gehöre, die schon beim Abschreiben in der Schule immer erwischt wurde, habe ich gesagt: Super, der Typ kann was. Auf der anderen Seite war Helmut Kohl ein Kanzler, der immer auf Reziprozität achtete. Das heißt, wenn einer von der FDP rausflog, flog natürlich auch einer von der Union raus. Und ich war dicht dran – ich hatte mir als Umweltministerin gerade erkämpft, dass ich ab und zu da auftauchen durfte –, dass ich auch rausflog. Wahrscheinlich ist das dann auch passiert; das habe ich vergessen. Auf jeden Fall hielten sich Bewunderung und Ängstlichkeit ein bisschen die Waage.

Damals war noch nicht abzusehen, dass uns dann das Leben in der Oppositionszeit doch sehr zusammenschweißen würde. Das sage ich ganz klar: Wir haben einander immer vertraut, und zwar elf lange Jahre lang – langsam wachsend, immer stärker werdend. Aber es war nicht immer einfach, manchmal gab es Momente des Zweifelns. Aber Vertrauen, das ist das, auf dem die heutige christlich-liberale Koalition gewachsen ist. Dafür möchte ich ganz einfach danke sagen.

Wir haben lustige Sachen gemacht. Wir sind Cabrio gefahren – ich war so froh, dass ich nicht lenken musste. Wir haben Anfechtungen auszuhalten gehabt. Guido hatte immer einen Hang zu maritimen Vergleichen, obwohl ich einen maritimen Wahlkreis hatte: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, braucht’s einen, der die Sache regelt.“ Und Edmund Stoiber hat dann einfach mal zurückgeschlagen und uns als Leichtmatrosen bezeichnet. Das fanden wir nicht so toll, aber wir haben die Herausforderung angenommen und uns bewährt, würde ich sagen.

Wir haben jüngst über fünfzigste Geburtstage gesprochen – ich habe meinen hinter mir –, die ja ganz unterschiedlich gefeiert werden können. An meinen erinnert sich offensichtlich niemand mehr, da ich mir nämlich eine eher wissenschaftliche Sache ausgedacht hatte. Ich hatte zu einer Vorlesung über moderne Hirnforschung eingeladen. Und für die, die Einladungen ordentlich lesen, hatte ich hintendrauf verzeichnet: Anschließend gibt es einen Empfang zu Ehren des 50. Geburtstags der Parteivorsitzenden der CDU. Dann traf ich Guido Westerwelle und fragte: Kommst du? Er fragte: Wohin? Ich antwortete: Na, zu meinem 50. Geburtstag. Darauf sagte er: Ich habe keine Einladung bekommen. Ich sagte: Definitiv hast du eine Einladung bekommen; greif’ mal in den Papierkorb und hol’ sie einfach wieder raus, lies die zweite Seite, da steht was drauf. – Okay. Der Geburtstag war interessant – sowohl wegen der Vorlesung als auch deshalb, weil du zum ersten Mal Michael mitgebracht hast. Und das war schön. Ich wünsche euch beiden wirklich viel Erfolg.

Nun muss ich die Sache mit dem Plagiat noch bearbeiten – da ist man ja eigen in der Union; da achten wir drauf. Philipp Rösler hat gesagt, Guido Westerwelle hätte gesagt – jetzt muss ich aufpassen: „Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet.“ Ich möchte immer Folgendes sagen, auch wenn es mir nicht jedes Mal gelingt, das zu sagen, was ich sagen möchte; aber wenn ich das gesagt habe, was ich möchte, dann habe ich gesagt: „Wer arbeitet, muss mehr haben, als wenn er nicht arbeitet.“ – Also immer bezogen auf dieselbe Person.

Wir könnten auch, um die Unterschiedlichkeit der Koalitionspartner noch einmal herauszuarbeiten, die intellektuelle Diskussion weiterführen, die es über „Freiheit statt Sozialismus“ oder „Freiheit oder Sozialismus“ zwischen CDU und CSU zu den Zeiten gab, als Kurt Biedenkopf noch Generalsekretär war. Das wollen wir vielleicht nicht so wiederholen, aber wir könnten darüber noch einmal sprechen.

Lieber Guido, auch an einem solchen Abend möchte ich einfach sagen: Heute sind so viele Menschen hier; wenn man dich in einem Festzelt hört, dann kriegt man Panik, ob du wirklich tolerant bist. Wenn man heute Abend hier ist, dann weiß man, dass du es bist. Du hast immer wieder so viele Menschen für deine Ideale eingenommen durch die Art, in der du vorgehst. Du hast so viele verschiedene Menschen kennengelernt – und sie haben dich schätzen gelernt.

Neben dem Vollblutpolitiker, der du bist, bist du auch ein Freund der Pferde, ein Freund der Landschaften, ein Freund der Kunst. Du bist so vieles, was vielleicht manche noch nicht an dir kennen. Deshalb sage ich einfach: Danke, dass wir uns kennenlernen durften; danke, dass wir gemeinsam Politik gestalten können! Auf weitere gute Jahre! Alles Gute!