Rede von Bundespräsident Christian Wulff beim Mittagessen zu Ehren von Fritz J. Raddatz zu dessen 80. Geburtstag am 6. Dezember 2011 in Berlin:
- Datum:
- 06.12.2011
- Ort:
- Berlin
- Bulletin
- 133-2
Die Geschichte dieser Ehrung anlässlich Ihres 80. Geburtstags ist kompliziert.
Der Anfang, der doch als eine Überraschung geplant war, war leider erst einmal gescheitert. Wenn man den Grund dafür in einer knalligen Überschrift zusammenfassen wollte, dann könnte man ganz knapp formulieren: „Papst verhindert Ehrung von Fritz J. Raddatz durch den Bundespräsidenten im Sankt Pauli Theater.“
Die Sache selbst ist sicher betrüblich. Aber diese Überschrift, so denke ich, würde Ihnen, lieber Herr Raddatz, gefallen. Sie wäre Ihrer Bedeutung gerade angemessen. Sie ist ja auch fast wahr und nur ein bisschen übertrieben.
Bleiben wir also ruhig bei dieser verkürzten Meldung, denn sie bietet mir drei Stichwörter, an denen ich aufhängen kann, was ich heute sagen möchte: Papst, Bundespräsident, St. Pauli.
Päpste, Herr Raddatz, sind nicht Ihr Fall. Und Literaturpäpste schon gar nicht. Ihre Art, Literatur zu besprechen, Literatur zu kritisieren oder den Lesern dringend zu empfehlen, hat sich nie Unfehlbarkeit angemaßt. Sie hat nicht als eine Geschmacks-Inquisition geurteilt und die Welt in Gut und Böse, Gelungen oder Misslungen aufgeteilt.
Ihre Art der Annäherung und der Beschäftigung mit Literatur hat vielmehr immer präzise differenziert, hat genau hingesehen, hat Vergleiche gezogen und sich um einen geschichtlichen Kontext bemüht. Sie haben vor allem eines immer redlich versucht: vernünftig zu argumentieren. Sie haben um nachvollziehbare Urteile gerungen. Und vor allem und nicht zuletzt: Sie haben sich um Gerechtigkeit bemüht.
Eines allerdings haben Sie doch vom päpstlichen Amt oder zumindest vom päpstlichen Gestus: Was Sie taten, das war für Sie nie unverbindliche Spielerei, nie ein ästhetisches Geplauder ohne Selbstverpflichtung. Der Umgang mit Kunst, mit Literatur - das haben Sie für sich selbst so gehalten und das haben Sie ihren Kollegen und vor allem den Lesern vermittelt: Das ist eine ernste Angelegenheit. Keine verbiesterte, keine langweilige, keine trockene.
Aber eben ernst. Es geht beim Schreiben und Lesen, das ist Ihre Überzeugung, um Wahrheit und um Wahrhaftigkeit. Um die Wahrheit eines Blicks, die Wahrhaftigkeit einer Erfahrung, die Glaubwürdigkeit eines Charakters, die Überzeugungskraft einer Geschichte, eines Buches oder auch nur einer einzigen Zeile.
Diese Haltung – und so kommen wir vom Stichwort „Papst“ zum Stichwort „Bundespräsidenten“ – ist eine Haltung, die aus der Literatur in die Gesellschaft hineinwirkt und hineinwirken soll. Staat und Gesellschaft – dafür steht jetzt mal das Stichwort Bundespräsident – leben nicht nur davon, dass alles tagtäglich funktioniert.
Staat und Gesellschaft leben auch davon, dass einige die unangenehmen Fragen stellen, die die Mehrheit vielleicht verdrängt. Staat und Gesellschaft leben davon, dass einige sich andere, bessere Welten vorstellen können, wenn die Mehrheit es sich in der Gegenwart bequem gemacht hat.
Und Staat und Gesellschaft leben davon, dass hinter all dem Funktionieren einige es sich nicht nehmen lassen, die Frage nach dem Sinn zu stellen, nach der Richtung, nach der Orientierung.
Auch die Frage nach Gerechtigkeit und nach historischer Schuld, nach dem Glücken des einzelnen Lebens und der Gemeinschaft sind Fragen, die Kunst und Literatur stellen. Auch die Fragen nach dem menschlichen Leid, nach Angst, nach Krankheit und Tod gehören zum Ernst der Literatur, und zu dem, was durch sie an Unruhe in der Gesellschaft lebendig ist.
Insofern ist Literatur politisch. Nicht in einem platten Sinn. Und insofern haben auch Sie, verehrter Herr Raddatz, die Literatur als politische Angelegenheit, als Angelegenheit, die das Gemeinwesen angeht, verstanden. So haben Sie im Rowohlt-Verlag Autoren entdeckt und gefördert, so haben sie eine Buchreihe entwickelt, die sich direkt in die gesellschaftlichen Diskussionen einmischen sollte. So haben Sie dann in der „ZEIT“ ein Feuilleton geschaffen, wie man es in der Bundesrepublik noch nicht gesehen hatte.
Indem Sie ein ernster und gelegentlich auch ein sehr strenger Förderer und Verteidiger der Literatur waren, waren Sie gleichzeitig ein Förderer dieses unseres Gemeinwesens. Vielleicht lieben Sie dieses Land auf die Weise, wie es Ihr großer Lehrer Tucholsky formuliert hat. Wir haben das auf der Einladung zitiert. Auf jeden Fall: Sie haben sich um dieses Land verdient gemacht. Und darum dankt Ihnen heute der Bundespräsident persönlich und amtlich.
Bleibt noch das dritte Stichwort: St.-Pauli-Theater.
St. Pauli steht für Hamburg, in dem Sie, der gebürtige Berliner, seit so langer Zeit heimisch geworden sind, wenn Sie nicht gerade in New York, in Paris, in Nizza etwas von dem Esprit aufnehmen, den Sie manchmal in Deutschland vermissen – und der doch auch gerade durch Sie auch hier nicht mehr fremd ist.
St. Pauli – zumindest der Begriff, wenn auch nicht unbedingt die gegenwärtige Realität – steht aber auch für das Vergnügen, für das Festliche, für Feier und Exzess, für den Gefallen am Außergewöhnlichen, am Übertriebenen – und natürlich für Erotik.
Für all das steht Fritz J. Raddatz eben auch – und alle, die das bisher nicht gewusst haben, können das in Ihrem Tagebuch nachlesen.
Sie sind ein wirklicher Kopfmensch, ein strenger Intellektueller. Aber Sie sind genauso auch ein Mensch der sinnlichen Genüsse – und zwar nicht im Geheimen, sondern ganz offen und geradezu offensiv. Das hat man Ihnen oft geneidet und übel genommen – und wenn mancher gar kein Argument mehr gegen Ihre Arbeit hatte, konnte er immer noch säuerlich darauf hinweisen, dass Sie Porsche- und Jaguarfahrer seien.
Für Sie aber schließt das wahre, das moralisch integre Leben das gute Leben nicht aus. Dass man auch Freude hat am schönen Leben, das konnten Sie nie als Fehler erkennen. Die Leidenschaft und die Intensität, mit der Sie sich für die Literatur und die Kultur – und vor allen Dingen: für Qualität – einsetzen, hat das nie geschmälert.
Leidenschaft: Das ist vielleicht das Wort, das am besten zusammenfasst, was Ihr Leben bestimmt und wie intensiv Sie es gelebt haben. Unser Land, unsere Kultur, wir alle haben von Ihrer Leidenschaft profitiert.
Einen Mann mit dieser Leidenschaft für die Sache der Kultur gibt es selten. Einen Fritz J. Raddatz gibt es nur einmal. Sie selbst haben das natürlich immer gewusst. Aber heute wird das vom Bundespräsidenten amtlich festgestellt.
In diesem Sinne erheben Sie bitte mit mir Ihr Glas.
