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Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor dem Europäischen Parlament am 17. Januar 2007 in Straßburg:

Datum:
18. Januar 2007
Ort:
Straßburg
Bulletin
04-2

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Hans-Gerd Pöttering,

sehr geehrter Herr Präsident der Kommission, lieber José Manuel Barroso,

sehr geehrte Abgeordnete, ich sage als Vertreterin eines nationalen Parlaments fast Kollegen,

meine Damen und Herren!

 

Ich freue mich, heute zum ersten Mal als Ratsvorsitzende hier im Europäischen Parlament zu Ihnen zu sprechen – einem Parlament mit Abgeordneten aus nunmehr 27 Mitgliedsstaaten. Deshalb gestatten Sie mir, dass ich noch einmal zu den Abgeordneten aus Rumänien und Bulgarien ein ganz besonders herzliches Willkommen sage.

 

Ich möchte dem Präsidenten des Europäischen Parlamentes und den Vizepräsidenten, die gestern gewählt wurden, noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch sagen, auch im Namen des ganzen Rates, und Ihnen zu Beginn der deutschen Präsidentschaft anbieten, dass wir eine gute, enge und konstruktive intensive Kooperation haben, so wie es sich für die Zusammenarbeit mit einem selbstbewussten Parlament – wie der Präsident eben gesagt hat – auch gehört.

 

Mein ganzes Leben habe ich in Europa verbracht. In der Europäischen Union aber bin ich noch eine Jugendliche. Denn aufgewachsen bin ich in der ehemaligen DDR. Erst vor 17 Jahren, also nach der deutschen Wiedervereinigung, nach der Überwindung des Sozialismus, bin ich – gemeinsam mit inzwischen vielen Millionen anderen Menschen – in die Europäische Union aufgenommen worden. Ich kenne die Europäische Union bis zu meinem 35. Lebensjahr also nur von außen und ich kenne sie seit 1990 von innen.

 

Von innen – das wissen wir – sieht im Leben alles fast immer ein wenig anders aus als von außen. Das gilt für jedes Haus und das gilt auch für Europa. Von außen betrachtet ist die Europäische Union eine historische Erfolgsgeschichte ohne Beispiel. Die Europäische Union ist eines der beeindruckendsten Friedenswerke auf dem Planeten Erde. Mit der europäischen Einigung ist den Völkern Europas ein großes Glück gelungen. Es sichert ihre Freiheit und ermöglicht ihnen Wohlstand.

 

Die Römischen Verträge sind bald 50 Jahre alt. Wir feiern dieses Jubiläum am 24. und 25. März in Berlin – in einer Stadt, die die Wiedervereinigung Europas nach dem Ende des Kalten Krieges wie keine andere symbolisiert. Aber seien wir ehrlich: 50 Jahre – das ist im Grunde nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte. Erreicht aber wurde in dieser kurzen Zeit in Europa unvorstellbar viel.

 

Das also ist Europa, wenn man es von außen betrachtet. Aber auch von innen ist die Europäische Union ein wunderbares Haus. Ich finde sie von innen erlebt – das ist meine Erfahrung der letzten 17 Jahre – sogar noch schöner als von außen.

 

Ich möchte aus diesem Haus nie wieder ausziehen. Es gibt – das ist meine Überzeugung – keinen besseren Platz für unser Leben in Europa als unser gemeinsames europäisches Haus. Heute bauen wir es aus. Wir erweitern es. An manchen Stellen erneuern wir es. Manchmal denke ich dabei: Wenn wir so sehr damit beschäftigt sind, das Gebäude auszubauen und zu erneuern, damit darin heute fast eine halbe Milliarde Europäer ihr Zuhause finden, dann können wir vor lauter Bauarbeiten leicht das Große, das Einzigartige übersehen. Dann können wir manchmal kaum erfassen, was dieses Gebäude wirklich ausmacht, wo sein Kern steckt.

 

Vielen Menschen in Europa – das spüren Sie, wenn Sie zu Hause sind – geht es heute genauso. Sie fragen sich: Was soll Europa sein? Wozu brauchen wir Europa? Was hält Europa im Innersten zusammen? Was macht diese Europäische Union aus? Manche denken, der Versuch, das Wesen Europas bestimmen zu wollen, bringe wenig. Ich sehe das, offen gesagt, völlig anders. Ich erinnere an Jacques Delors. Er hat den berühmten Satz gesagt: „Wir müssen Europa eine Seele geben.“ Ich darf mit meinen Worten hinzufügen: Wir müssen Europas Seele finden. Denn eigentlich brauchen wir sie Europa nicht zu geben, weil sie schon bei uns ist.

 

Ist die Vielfalt diese Seele? Kaum jemand hat das schöner ausgedrückt als der Schriftsteller Karel Čapek, ein großer Europäer aus Prag. Ich zitiere: „Der Schöpfer Europas machte es klein und teilte es sogar in winzige Stücke auf, so dass sich unsere Herzen nicht an der Größe, sondern an der Vielfalt erfreuen.“ – Ende des Zitats.

 

Vielfalt? Ganz zweifellos ist richtig, wenn gesagt wird, dass Europa von seiner Vielfalt lebt. Die Unterschiede zwischen unseren Nationen, zwischen den Regionen Europas, die Vielfalt der Sprachen und Mentalitäten – das alles wollen wir bewahren. Wir können und wollen nicht alles harmonisieren, was harmonisierbar wäre.

 

Ja, es ist wahr, Europa lebt von seiner Vielfalt. Aber wahr ist auch, die Vielfalt als solches kann nicht das gleichsam universelle europäische Prinzip sein, das uns hilft zu verstehen, was Europa im Innersten zusammenhält, was also seine Seele ausmacht. Doch mit der Erkenntnis der Vielfalt der Nationen und Menschen schaffen wir etwas Anderes. So schaffen wir es, zu der eigentlich richtigen Frage zu kommen, die wir beantworten müssen. Sie lautet: Was ermöglicht die Vielfalt Europas?

 

Ich meine, die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Die Freiheit ermöglicht unsere Vielfalt. Die Freiheit ist Voraussetzung für unsere Vielfalt, und zwar die Freiheit in all ihren Ausprägungen: Die Freiheit, die eigene Meinung öffentlich zu sagen, auch wenn dies andere stört, die Freiheit, zu glauben oder nicht zu glauben, die Freiheit des unternehmerischen Handelns, die Freiheit des Künstlers, sein Werk nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Diese Freiheit braucht Europa wie die Luft zum Atmen. Wo sie eingeschränkt wird, verkümmern wir.

 

Es ist für Europa lebenswichtig, sich immer bewusst zu sein: Freiheit gewinnt man nicht ein für allemal. Freiheit muss beinahe jeden Tag neu errungen werden. Und Freiheit ist nicht bindungslos. Sie ist untrennbar mit Verantwortung verbunden. Wenn wir also von wahrer Freiheit sprechen, dann sprechen wir tatsächlich immer von der Freiheit des anderen. Oder sagen wir es mit den berühmten Worten Voltaires – ich zitiere: „Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst.“ – Ende des Zitats. Ich finde, Voltaire hat die Seele Europas in sich getragen. Denn Voltaires Satz zeigt: Das, was Europa auszeichnet, das, was seine Seele ausmacht, ist der Umgang mit unserer Vielfalt.

 

Wir Europäer haben in unserer Geschichte gelernt, aus der Vielfalt das Meiste zu machen. Die Eigenschaft, die uns dazu befähigt, die uns genau zur Freiheit in Verantwortung für den anderen befähigt, ist ein wertvolles Gut. Es ist die Toleranz. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz. Um das zu lernen, haben wir Jahrhunderte gebraucht. Auf dem Weg zur Toleranz mussten wir Katastrophen durchleiden. Wir haben uns gegenseitig verfolgt und vernichtet. Wir haben unsere Heimat verwüstet. Wir haben gefährdet, was uns heilig ist. Die schlimmste Periode von Hass, Verwüstung und Vernichtung liegt noch kein Menschenleben hinter uns. Sie geschah im Namen meines Volkes.

 

Aus dieser Jahrhunderte langen Geschichte sind wir in Europa ganz gewiss nicht zum Hochmut berechtigt gegenüber den Menschen und Regionen auf der Erde, die sich heute schwer tun, Toleranz zu üben. Aber aus dieser Jahrhunderte langen Geschichte sind wir in Europa dazu verpflichtet, überall in Europa und auf der ganzen Welt Toleranz zu fördern und allen zu helfen, Toleranz zu üben.

 

Ja, die Toleranz ist eine anspruchsvolle Tugend. Sie braucht das Herz und die Vernunft. Sie verlangt uns etwas ab. Aber keineswegs ist sie mit Beliebigkeit und Standpunktlosigkeit zu verwechseln. Und mehr noch: Toleranz, so wie wir sie in Europa brauchen, heißt nicht bloß Gewaltverzicht, heißt nicht bloß, das Andere zu dulden, sondern verlangt, das Andere zu wollen.

 

Es gibt einen einfachen Weg zur Seele Europas, zur Toleranz: Man muss auch mit den Augen des anderen sehen. Versuchen Sie es einmal. Es ist ein reizvolles Abenteuer, mit den Augen der vielen Völker Europas die Vielfalt unseres Kontinents, also unseren Reichtum, zu entdecken. Über die Faszination darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Toleranz ständig herausgefordert wird. Ich sage deshalb deutlich: Europa darf niemals auch nur das geringste Verständnis haben für Intoleranz, für Gewalt von Rechts- und Linksextremismus, für Gewalt im Namen einer Religion. Die Toleranz ist ihr eigener Totengräber, wenn sie sich nicht vor der Intoleranz schützt. Oder mit den Worten Thomas Manns gesagt: „Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.“ – Ende des Zitats. Toleranz ohne Verständnis für Intoleranz – das macht den Menschen menschlich.

 

In Lessings berühmter Ringparabel erzählt Nathan der Weise vom Streit dreier Brüder. Es geht darum, wer der wahre Erbe des väterlichen Rings und damit der religiösen Wahrheit ist. Dieses Erbe lässt sich nur durch gute Taten zeigen. Darin sollten sich die Brüder übertreffen. Hier, so finde ich, begegnet sie uns wieder, die Seele Europas: Darin, dass wir im friedlichen Miteinander, ja Füreinander nach dem Besten suchen.

 

Für mich, die ich mich als Christin zu den christlichen Grundlagen Europas ausdrücklich bekenne, ist die schönste Stelle des Stückes ein Wunsch des Sultans an Nathan. Über alle trennenden Glaubensgrenzen hinweg bittet der Moslem den Juden: „Sei mein Freund“. Ja, das ist es doch, wonach wir suchen und streben – nach dem Miteinander unter den Völkern. Das war und ist doch auch das große Ziel der europäischen Einigung. Das war doch auch der Ausgangspunkt der ersten europäischen Schritte nach 1945: Der Vertrag über die Montanunion von Kohle und Stahl, auch die Römischen Verträge haben sich noch nicht oder kaum mit unserer Kultur befasst; auch im Vertrag von Maastricht kommt sie nur am Rande vor. Aber ohne eine Vision für das gemeinsame Europa – also für das, was Europa im Innersten ausmacht –, ohne eine solche Vision wären alle diese Verträge nicht möglich gewesen. In diesen Verträgen wurden wichtige Fragen des europäischen Miteinanders bereits berührt und zum Teil in wunderbarer Weise beantwortet.

 

So kann ich mich auf dieser Grundlage für die heutigen Aufgaben zu einem Europa des gleichberechtigten Miteinanders aller Mitgliedsstaaten – großer wie kleiner, älterer und neuer – bekennen. Europa wird uns nur gemeinsam gelingen. Genau deshalb heißt das Motto unserer Präsidentschaft: „Europa gelingt gemeinsam.“ Und ich füge hinzu: Europa gelingt nur gemeinsam.

 

Ich bekenne mich zu einem Europa, das sich auf das konzentriert, was auf europäischer Ebene am besten zu steuern ist – dies dann aber auch mit dem nötigen Einsatz und effektiv. Ich bekenne mich zu einem Europa, das andererseits Politikbereiche, bei denen eine europäische Regulierung eher hinderlich wäre, ganz bewusst auch den Mitgliedstaaten, ihren Regionen und ihren Kommunen überlässt. Ich bekenne mich zu einem Europa, das ganz ausdrücklich auf europäische Lösungen setzt, wo es gemeinsam vorgehen will und muss, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein – der Globalisierung, der Bedrohung von Frieden und Sicherheit durch neue Gefahren, wie zum Beispiel den Terrorismus. All diese Herausforderungen können wir letztlich – das ist meine Überzeugung – nur auf der Grundlage unserer Erkenntnis von Toleranz annehmen.

 

Mit dem Entwurf des Verfassungsvertrages spricht erstmals ein europäischer Vertragstext ausdrücklich von der Toleranz, durch die sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union auszeichnen und mit der wir die Grundlage schaffen, auf der das zukünftige Europa neue vernünftige Regeln entwickeln kann – Regeln, die der neuen Größe der Europäischen Union und den anstehenden Herausforderungen entsprechen, Regeln, die uns handlungsfähig machen müssen. Denn wir wissen: Mit den heutigen Regeln kann die EU weder erweitert werden noch ist sie zu notwendigen Entscheidungen befähigt.

 

Diesen Zustand müssen wir überwinden. Deshalb brauchen wir klare Beschreibungen der Kompetenzen der Europäischen Union und der Nationalstaaten. Verfahrensregeln müssen klarer als bisher definiert sein. Anders ausgedrückt: Die vertraglichen Grundlagen, die wir haben, müssen den veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden, wenn die Europäische Union in der Welt von morgen bestehen will. Das ist der Hintergrund, vor dem ich im Auftrag des Europäischen Rates alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union und das Parlament zur Frage eines Auswegs aus der Ratifizierungskrise des Verfassungsvertrages konsultieren werde.

 

Die Phase des Nachdenkens ist vorbei. Jetzt gilt es, bis Juni neue Entscheidungen zu erarbeiten. Ich setze mich dafür ein, dass am Ende der deutschen Ratspräsidentschaft ein Fahrplan für den weiteren Prozess des Verfassungsvertrages verabschiedet werden kann. Es ist im Interesse Europas, der Mitgliedstaaten und seiner Bürger, diesen Prozess bis zu den nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament im Frühjahr 2009 zu einem guten Ende zu führen. Ein Scheitern wäre ein historisches Versäumnis. Stellen wir uns dieser Aufgabe. Lassen wir uns dabei – wie schon bei früheren historischen Entscheidungen Europas – vom Umgang mit unserer Vielfalt, also vom Geist der Toleranz leiten. Denn die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind wahrhaft groß und sehr konkret.

 

Ich sehe dabei zwei Schwerpunkte.

 

Erstens drängen von allen Seiten außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen auf die Europäische Union zu.

 

Im Kosovo wird die Union die Umsetzung einer Lösung der Statusfrage begleiten. Stabilität auf dem Westbalkan ist in unserem gemeinsamen Interesse. Ich füge hinzu: Ohne europäische Perspektive für die Staaten auf dem Westbalkan wird es diese Stabilität nicht geben.

 

Im Nahen Osten muss die Europäische Union den Friedensprozess gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika, der UNO und Russland vorantreiben. Kurz gesagt, das so genannte Nahost-Quartett ist gefordert. Voraussetzung für mögliche Fortschritte ist eine geschlossene Haltung der Europäischen Union, um Frieden, Stabilität und nachhaltige Entwicklung im Nahen Osten zu erzielen. Dies gilt genauso für den Umgang mit dem Nuklearprogramm des Iran.

 

Ebenso hat Europa ein fundamentales Interesse an einer erfolgreichen Entwicklung Afghanistans. Wir wissen: Nur eine Kombination von militärischen und zivilen Anstrengungen kann erfolgreich sein. Alles andere endet in einer Sackgasse.

 

In ihrer Nachbarschaft muss die Europäische Union mehr politischen Gestaltungswillen als bisher zeigen. Denn der Beitrittswille vieler Länder kann nicht immer erfüllt werden. Nachbarschaftspolitik ist die vernünftige und attraktive Alternative. Wir werden in unserer Präsidentschaft insbesondere eine solche Nachbarschaftspolitik für die Schwarzmeerregion und Zentralasien entwickeln.

 

Auch ein Erfolg der Doha-Runde verdient jeden Einsatz von uns. Zu viel steht auf dem Spiel – für uns, aber auch für die Entwicklungsländer. Das Zeitfenster, in dem noch etwas gelingen kann, ist klein. Wir sind entschlossen, alles zu tun, um hier einen Erfolg zu erreichen.

 

Aber dabei bleiben wir nicht stehen. Denn wir wollen auf dem Gipfel zwischen der Europäischen Union und der USA eine Vertiefung der transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft beraten. Die USA sind der wichtigste Handelspartner der Europäischen Union. Wir sind füreinander der jeweils wichtigste Investitionspartner. Im Interesse unserer weltweiten Wettbewerbsfähigkeit müssen wir Handelsbarrieren etwa beim Patentrecht, bei Industriestandards oder beim Börsenzugang weiter abbauen. Ein gemeinsamer transatlantischer Markt liegt nach meiner festen Überzeugung zutiefst im europäischen Interesse.

 

Aber natürlich dürfen wir nicht nur in die Richtung Amerikas schauen. Denn auch die Partnerschaft mit Russland ist für Europa von strategischer Bedeutung. Sie soll in der ganzen möglichen Breite ausgebaut werden. Deshalb muss auch ein neues Partnerschafts- und Kooperationsabkommen verhandelt werden.

 

Dabei wird auch die Frage der Zusammenarbeit in Energiefragen einen zentralen Stellenwert haben. Wir werden alles tun, damit die Verhandlungen darüber bereits in der deutschen Präsidentschaft beginnen können. Ich sage klar und deutlich: Wir brauchen verlässliche Beziehungen zu Russland. Nur so kann Vertrauen wachsen. Gleichzeitig dürfen wir dabei natürlich nicht die Fragen der Medien, der Bürgergesellschaft oder die Konflikte Russlands mit seinen Nachbarn ausklammern.

 

Den Grundstein für ein weltweites Klimaabkommen ab 2012 wollen wir auf dem Europäischen Rat im März und, da Deutschland auch die G8-Präsidentschaft hat, auf dem G8-Gipfel legen. Wir wissen, hierfür muss auf der einen Seite Europa Vorreiter sein. Auf der anderen Seite brauchen wir auch die Vereinigten Staaten von Amerika und andere Länder. Es ist deshalb wichtig, die USA und andere dazu zu ermuntern, in der Energie- und Klimapolitik enger als bisher mit der Europäischen Union zu kooperieren. Denn es ist kein zu großes Wort, wenn ich sage: Beim Zugang zu Energie und beim Schutz des Klimas handelt es sich um die zwei Herausforderungen für die Menschheit im 21. Jahrhundert.

 

Auch zu Afrika wollen wir die Beziehungen neu definieren. Afrika wandelt sich. Afrika ist unser Nachbar. Es lohnt sich und es ist klug, dort zu investieren – politisch und wirtschaftlich. Deshalb beginnen wir zügig mit den Vorbereitungen für einen EU-Afrika-Gipfel. Stattfinden wird er dann unter portugiesischer Präsidentschaft.

 

Mit dieser kurzen Reise um die Erde will ich heute wichtige außen- und sicherheitspolitische Herausforderungen nennen. So kurz der Überblick heute auch nur sein kann, so klar wird dennoch daraus: Nur gemeinsam können wir diese Herausforderungen annehmen. Wir müssen gemeinsam handeln. Genau deshalb brauchen wir für die europäische Außenpolitik den europäischen Außenminister, damit unseren Worten Taten folgen können. Auch das ist ein Grund für den Verfassungsvertrag.

 

So wie sich Europa also nach außen neu ausrichten muss, so muss es das auch nach innen schaffen. Denn die Sicherung unseres Wohlstandes, Wachstum, Beschäftigung und soziale Sicherheit, kurz: die Erhaltung und Entwicklung unseres europäischen Sozialstaatsmodells, und zwar unter den Bedingungen der Globalisierung –, das ist es, was die Bürger von Europa und von ihren Regierungen erwarten. Das ist deshalb auch der zweite Schwerpunkt unserer Arbeit während unserer Ratspräsidentschaft.

 

Der Lissabon-Strategie liegt die Vision eines wachstumsstarken und sozialen Europas zugrunde, das dabei auch verantwortungsvoll mit seiner Umwelt umgeht. Inzwischen wächst die Wirtschaft mit steigender Tendenz. Aber das darf natürlich kein Selbstzweck sein. Wenn ich deshalb Wachstum höre, dann denke ich an Arbeitsplätze. Ich bin überzeugt: Um Beschäftigung hat es uns zuerst und vor allem zu gehen; das ist das soziale Europa. Es muss uns natürlich auch um die Voraussetzung von Beschäftigung gehen. Deshalb wird das Thema Energie auf dem Rat im März eine herausragende Bedeutung haben, auf dem wir über die Vorschläge der Kommission in ihren verschiedenen Facetten debattieren werden.

 

Neben den Fragen „Wie können wir Arbeitsplätze schaffen? Wie können wir effektiver sein? Wie können wir wettbewerbsfähig sein?“ ist nach meiner Auffassung der Abbau überflüssiger Bürokratie eine Daueraufgabe für die Europäische Union. Wir werden deshalb sehr intensiv die Initiativen der Kommission begleiten, die Ihnen allen unter dem Stichwort „bessere Rechtsetzung“ bekannt sind.

 

Ich wünsche mir noch etwas – ich weiß, dass das eine schwierige Debatte ist –, nämlich dass wir in diesem Zusammenhang auch einmal über das so genannte Diskontinuitätsprinzip diskutieren, also darüber, dass in der Europäischen Union nicht erledigte Gesetzesvorhaben am Ende einer Legislaturperiode des Europäischen Parlaments verfallen. Dies ist gute demokratische Praxis in den meisten Mitgliedstaaten. Warum nicht auch in Europa? Beim Antritt einer neuen Kommission und eines neuen Parlaments wäre dann jeweils ein politischer Neuanfang möglich. Ich bin sicher: Eine solche demokratische Zäsur würde den Wahlen zum Europäischen Parlament noch größere Bedeutung verleihen. Ich bitte die Abgeordneten des Europäischen Parlaments, den Ratsvorsitz mit Vorschlägen und Ideen hierbei zu unterstützen.

 

Alle diese Aufgaben sind wahrlich nicht in sechs Monaten zu bewältigen. Wir müssen und wir wollen die Kurzatmigkeit sechsmonatiger Ratsvorsitze überwinden. Europa braucht Kontinuität. Deshalb ist die Idee der Trio-Präsidentschaft so wichtig. Ich freue mich, den Auftakt der ersten Trio-Präsidentschaft in der Europäischen Union heute Mittag hier in Straßburg zusammen mit meinem portugiesischen und meinem slowenischen Amtskollegen zu begehen.

 

Übrigens: Auch dieser Gedanke für mehr Kontinuität in Europa ist eine Neuerung, die im Verfassungsvertrag angelegt ist. So schließt sich der Kreis meiner Überlegungen. Wir kommen nicht zufällig wieder darauf zurück – auf eine notwendige Vertragsreform.

 

Ganz sicher ist, dass ein langsames, ein bürokratisches und ein zerstrittenes Europa keine der genannten Aufgaben lösen wird: Weder in der Außen- und Sicherheitspolitik noch auf dem Gebiet der Klima- und Energiepolitik, im Bereich der europäischen Forschungspolitik, beim Bürokratieabbau oder in der Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik. Alle diese Herausforderungen verlangen von Europa gemeinsames Handeln. Sie verlangen Regeln, die uns zu diesem gemeinsamen Handeln befähigen. Sie verlangen zusätzliche Anstrengungen und sie verlangen die Bereitschaft zur Veränderung und Erneuerung.

 

Ich finde es dabei lohnend zu schauen, unter welchen Bedingungen sich Regionen der Welt am erfolgreichsten entwickeln. Der amerikanische Wissenschaftler Richard Florida hat das untersucht und ist dabei auf drei Faktoren gestoßen: Auf Technologie, Talente und Toleranz. Nur wenn alle drei Faktoren zusammenkommen, dann gelingt es, in Zukunftsfeldern nachhaltig zu wachsen.

 

Technologie, Talente und Toleranz – welch eine gute Nachricht für Europa, welch eine gute Maxime für unser Handeln. Technologie, Talente und Toleranz – Europa lebt von der Innovation. Europa lebt vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt, vom wirtschaftlichen Fortschritt und vom sozialen Fortschritt. Und Europa lebt von der Neugier. Dafür haben die Europäer eine großartige Erfindung gemacht: Die Universitäten. Sie sind eine der vielen europäischen Ideen, die heute in der ganzen Welt selbstverständlich sind.

 

Die Voraussetzung für die freie Entfaltung der Neugier – sie ist die Toleranz. Denn nur wer seine eigene Meinung nicht für vollkommen oder in jeder Hinsicht überlegen hält, kann überhaupt Interesse daran haben, den Standpunkt des anderen, seine Erfahrungen und Erkenntnisse kennen zu lernen. Nur wer auch dem anderen kluge Gedanken, eine moralische Haltung und verantwortungsvolles Handeln zugesteht, ist bereit, vom anderen zu lernen. Dabei kann er gewinnen, wachsen, sich entwickeln.

 

Voneinander lernen führt zu neuer Erkenntnis. Heute sagen wir dazu Innovation. Aber damit meine ich weit mehr als nur technologische Neuerungen. Das betrifft kulturelle Schöpfungen, politische Konzepte, geistige Ideen. Europa ohne seine überragende Innovationskraft wäre nicht das Europa geworden, das es heute ist.

 

Ich möchte uns ermuntern, ja, ich möchte uns dazu aufrufen, dass wir im Geist der Toleranz unsere Neugier erhalten – Neugier, weil wir daran glauben, dass die Welt um uns herum auch im 21. Jahrhundert gestaltbar ist.

 

Es ist wohl wahr, was der deutsche Schriftsteller Peter Prange in seinem Buch „Werte. Von Plato bis Pop“ geschrieben hat – ich zitiere: „Alles, was wir Europäer je zustande gebracht haben, verdanken wir unserer inneren Widersprüchlichkeit, dem ewigen Zwiespalt in uns selbst, dem ständigen Hin und Her von Meinung und Gegenmeinung, von Idee und Gegenidee, von These und Antithese.“ – Ende des Zitats.

 

Und warum, so frage ich, konnte nach unzähligen Kriegen und unendlich viel Leid, warum konnte aus all unserer Widersprüchlichkeit in Europa, aus all unseren Gegensätzen etwas so Großartiges gelingen wie das europäische Einigungswerk seit den Römischen Verträgen vor fast 50 Jahren? Was ist es, das uns befähigt, aus all diesem das Beste zu machen? Sie ahnen es. Es ist das, was für mich Europa im Umgang mit seiner Vielfalt ausmacht: Die Toleranz. Warum sollte uns das nicht auch für die nächsten 50 Jahre gelingen?