Freitag, 22. März 2013
Karrieren
Migrantinnen als Unternehmerinnen
Immer mehr Frauen aus Zuwandererfamilien gründen in Deutschland ihr eigenes Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze. Ob Übersetzungsbüro Schädlingsbekämpfungsfirma, Unternehmensberatung oder Hochzeitsmode – die Vielfalt ist so groß wie die Länder, aus denen die Frauen kommen. Zwei von ihnen erzählen, wie und warum sie den Weg in die Selbstständigkeit gegangen sind.
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Sehnaz Temiz
Foto: Sehnaz Temiz
Alles fing an in ihrer Garage: Sehnaz Temiz hat die Wände gestrichen, Fenster eingebaut, Schreibtisch, Stühle, Regale hingestellt – und dann die Vertreter von Arbeitsagentur und Industrie- und Handelskammer (IHK) eingeladen. „Ich wollte nicht gleich das volle Risiko eingehen und mir neue Räume mieten“, erzählt die 38-Jährige und erinnert sich an die Zeit vor neun Jahren. „Wer weiß, ob mein Unternehmen Erfolg haben würde?“
Gegründet hat sie damals keine Technologiefirma – wie die Garage vielleicht vermuten lässt – sondern eine Personalvermittlung, mitten in Berlin. Sehnaz Temiz ist damit eine von etwa 231.000 Frauen mit Zuwanderungshintergrund, die laut Statistischem Bundesamt (2011) in Deutschland selbstständig sind – Tendenz steigend. Seit 1996 ist die Zahl selbsständiger Migrantinnen um 120 Prozent angewachsen. „Die Frauen, die mir begegnen, sind unheimlich aktiv“, sagt Suzan Kizilaslan, die in Düsseldorf für den Verein „Fidan“ - Forum für Wirtschaft und Soziales arbeitet. Der Verein vernetzt Mittelständler mit gesellschaftlichen Akteuren, fördert Ausbildungsprojekte und unterstützt Männer und Frauen mit Zuwanderunghintergrund, die ihr eigenes Unternehmen gründen wollen. Gerade die türkischen Frauen, so erzählt die 41-Jährige, wollten Unabhängigkeit, ihre eigenen Entscheidungen treffen. Oft würden sie von ihren Ehemännern und Familien intensiv unterstützt. Eben hat Kizilaslan, die selbst eine Beratungsfirma im Bereich Energieeffizienz leitet, eine Delegation von 20 selbsständigen Frauen in den Bundestag geführt, darunter viele Türkinnen mit Kopftuch. „Das ist ein Bild, das – glaube ich – in der Gesellschaft noch nicht richtig angekommen ist: Es gibt viele Frauen, die ihre wirtschaftlichen Geschicke selber in die Hand nehmen wollen – Kopftuch hin oder her.“
Herausforderung: Zeitmanagement
Auch Sehnaz Temiz wurde durch ihren Mann auf die Idee gebracht, ihre eigene Personalvermittlung zu starten. Jahrelang war sie in der Personalberatung beschäftigt, hatte jede Menge Kontakte und die Expertise. „Mein Mann ist auch selbstständig, als Autohändler – typisch türkisch!“, sagt sie und lacht. „Natürlich war das Risiko – mit zwei Selbstständigen in der Familie – ziemlich hoch. Aber er sagte: 'Versuch es doch!' Und ich fand seine Argumente einleuchtend.“ Die Temizes hatten damals zwei Kinder im Grundschulalter. „Ich habe gefühlte 24 Stunden gearbeitet“, erinnert sich Sehnaz an ihre Gründungszeit. „Mit Familie und Firma war ich so eingespannt, dass ich jahrelang keine Zeit für mich selber hatte.“
Gerade diese Herausforderung – Familie und Firma miteinander zu vereinbaren – ist die größte Hürde für Frauen, egal ob mit oder ohne Zuwanderungshintergrund, wenn sie überlegen, ein Unternehmen zu gründen. „Was schaffe ich überhaupt in meinen 24 Stunden?“, ist eine Frage, die damit steht und fällt, wie gut man vernetzt und organisiert ist. „Daher gründen Frauen auch später als Männer“, sagt Dr. René Leicht, der sich am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim mit diesem Phänomen beschäftigt. „Sie sind im Alter von 35 bis 55 Jahren am aktivsten“, resümiert er, „wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind.“ Außerdem gründeten Frauen kleinere Unternehmen als Männer, vorwiegend im Dienstleistungsbereich. „Das hat viel mit der Sozialisierung und der Bildungskarriere von Mädchen zu tun“, sagt der Experte.“Aber das wird sich in den kommenden Jahren ändern, da Mädchen heute stärker an naturwissenschaftliche Fächer und Berufe herangeführt werden.“
Motivation: Existenz sichern
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Portrait Karina Borowiak
Foto: Karina Borowiak
Doch Kinder können nicht nur Hürde, sondern manchmal auch Motivation sein, die wirtschaftliche Existenz auf eigene Füße zu stellen. Die Polin Karina Borowiak kam vor acht Jahren aus Liebe nach Deutschland. Nur: Mit ihrem Studienabschluss als Polonistin und Lehrerin für polnische Sprache und Literatur waren ihre Beschäftigungsmöglichkeiten begrenzt. Jahrelang hielt sie sich mit Volkshochschulkursen und Übersetzungsaufträgen über Wasser – bis vor viereinhalb Jahren ihr Sohn zur Welt kam. „Ich wusste, so kann es nicht weitergehen“, erzählt die 33-Jährige. „Die Verantwortung hat mir die Kraft gegeben, zu kämpfen und etwas anzupacken, das andere mir vielleicht nicht zutrauen.“ Sie ließ sich bei der „Initiative Selbstständiger Migrantinnen“ (ISI e.V.) beraten, bekam einen Gründungszuschuss bei der Arbeitsagentur, nahm einen Kredit auf – und legte los: Sie startete ein Übersetzungsbüro spezialisiert auf die Green Economy. Firmensitz: ihr Zuhause. Auch Karina Borowiak wollte zunächst kein großes Risiko eingehen und Räume anmieten. Mittlerweile konnte sie zwei große Aufträge an Land ziehen und atmet spürbar aus: „Meine Existenz ist für die nächsten zwei Jahre gesichert.“
Bei ISI e.V. hat die Polin jede Menge Frauen kennengelernt, die in einer ähnlichen Situation sind. „Es gibt viele Frauen aus dem Ausland, die sehr gut ausgebildet, deren Abschlüsse hier aber nicht anerkannt sind“, erzählt sie. „Sie sind alle auf der Suche, was sie in Deutschland machen können.“ Aber nicht nur die fehlende Anerkennung der Abschlüsse aus vielen nicht-EU-Ländern stellt eine große Hürde dar. „Wenn sich eine Frau mit Zuwanderungshintergrund um einen Kredit zur Firmengründung bewirbt, hat sie weitaus geringere Chancen, ihn zu bekommen, als beispielsweise ein deutscher Mann“, weiß Suzan Kizilaslan, die im „Fidan“-Netzwerk immer wieder die gleichen Geschichten hört. „Wenn sie dann auch noch Deutsch mit Akzent spricht oder sich nicht ganz fließend und klar ausdrückt, wird ihr sofort weniger zugetraut. Und es gibt wenige Frauen, die dann auf den Tisch hauen und sagen: Klar, schaffe ich das!“ Das Risikobewusstsein sei oft auch so stark ausgeprägt, dass Frauen sich leichter von ihrer Idee abbringen ließen – weil sie Angst hätten, dass sie vielleicht doch nicht funktioniere.
Mit Mut zum Erfolg
Sehnaz Temiz hat vielleicht nicht auf den Tisch gehauen – aber sie hat sich durchgebissen. Ein psychologischer Test sollte der Bank beweisen, dass sie in der Lage sei, ein Unternehmen zu führen – den hat sie, ohne mit der Wimper zu zucken, absolviert. Sukzessive hat sie ihre Personalvermittlung aufgebaut, Mitarbeiter eingestellt, ist aus der Garage in eigene Räume gezogen, hat eine eigene Datenbank programmieren lassen. „Am Anfang war es schwer, überhaupt gute Mitarbeiter zu finden“, erinnert sie sich. „Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, aber von Außen hat jeder den türkischen Namen gelesen – und es gab Zweifel, ob ich überhaupt seriös arbeite.“ Dass sie das seriös ist, hat sich zum Glück bald bewiesen: Mittlerweile hat Sehnaz Temiz 30 Mitarbeiter, 7.000 Arbeitgeber in ihrer Datenbank und vermittelt etwa 100 sozialversicherungspflichtige Stellen im Monat. „Wir sind die größte private Arbeitsvermittlung in Berlin, und darauf bin ich stolz“, sagt sie.
Katrin Arnholz
