Mittwoch, 3. Juni 2009
Für die Rechte der Frauen in Afghanistan
Im Interview mit dem Bundeswehrmagazin "aktuell" spricht die afghanische Botschafterin Maliha Zulfacar darüber, wie schwer es ist, die erreichten Fortschritte für Frauen in ihrem Land zu bewahren. Die Sicherheitslage stelle immer noch eine große Herausforderung dar – die sich nur mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft meistern lasse.
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Maliha Zulfacar ist seit 2006 afghanische Botschafterin
Foto: Bundeswehr
Um die Rechte der Frauen war es in Afghanistan unter dem Talibanregime nicht gut bestellt. Und jetzt, acht Jahre nach Ende des Terror-Regimes, scheinen Attacken gegen Frauen wieder auf der Tagesordnung zu stehen: Frauen werden während einer Demonstration mit Steinen beworfen, eine regionale Politikerin und ein Liebespaar getötet. Nicht zuletzt sorgte das umstrittene Ehegesetz vor einiger Zeit für negative Schlagzeilen. "aktuell" wollte wissen, wie die Situation der Frauen in Afghanistan wirklich ist und sprach darüber mit der afghanischen Botschafterin in Deutschland, Maliha Zulfacar.
aktuell: Wie ist die Situation der Frauen in Afghanistan heute?
Maliha Zulfacar: Die Nachrichten der vergangenen Wochen über die zivilen Verletzten haben mich sehr betroffen gemacht, besonders weil unter den Verletzten Frauen und Kinder waren. Die Situation der Frauen kann nicht isoliert von der generellen Situation der Politik und soziopolitischen Lage des Landes gesehen werden. In den 30 Jahren Krieg haben Mühsale wie Armut und Not den Frauen erst recht die Kraft zum Überleben gegeben.
Die Bereitschaft der Frauen, für ihre Rechte zu kämpfen, wurde dadurch signalisiert, dass sie auf die Straße gingen, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Das zeigt der Welt, dass die Frauen in Afghanistan bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen. 30 Jahre Krieg haben die Frauen und die Kinder am Schlimmsten getroffen. Während der vergangenen sieben Jahre hat die Regierung versucht, Gegebenheiten zu schaffen, um für Frauen Zugang zu Schulen, Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen. Da ist noch ein langer und steiniger Weg zu gehen.
aktuell: Haben wir eine falsche Vorstellung von der Situation der Frauen in Afghanistan?
Maliha Zulfacar: Leider werden wir durch die Medien häufig mit schlechten Nachrichten konfrontiert, jedoch können deren Berichte nicht abgestritten werden. Es gibt keinen Zweifel, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert hat, aber die Millionen von Afghanen müssen weiterhin in ihrem Land leben. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Afghanistan weiterentwickelt hat. Der Wiederaufbau Afghanistans soll nicht als Projekt gesehen werden, sondern es ist ein kontinuierlicher Prozess und dieser braucht Zeit.
Stellen sie sich vor, noch vor sieben Jahren wäre es für mich nicht möglich gewesen, als Frau mein Land zu repräsentieren oder sogar eine Position in der Regierung inne zu haben. Wie auch immer, das bedeutet nicht, dass die allgemeine Situation der Frauen in Afghanistan ohne Herausforderungen bleibt. Folglich ist es wichtig, dass jede Anstrengung unternommen wird, um die Privilegien und Rechte der Frauen, die in der Verfassung verankert sind, nicht wieder zu verlieren.
Sehen sie: Zum Beispiel gehen 6,5 Millionen Kinder zur Schule, davon sind heute 38 Prozent Mädchen, im Vergleich zu drei Prozent im Jahr 2002. Inzwischen sind Frauen als Journalistinnen, Juristinnen, Polizistinnen, Rundfunk- und Fernsehsprecherinnen, Professorinnen und Botschafterinnen tätig, um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht zu vergessen, dass 28 Prozent Frauen im Parlament von Afghanistan vertreten sind, welches der höchste Anteil von Frauen in einem Parlament in der Region darstellt. Vor 2002 wäre das nicht möglich gewesen. Wir versuchen das, was wir schon erreicht haben, nicht wieder zu verlieren.
aktuell: Aber das neue Ehegesetz, welches Präsident Hamid Karsai erst unterzeichnet, dann wieder zu- rückgenommen hat, ist das nicht ein Schritt zurück?
Maliha Zulfacar: Dieses Gesetz wird noch immer überprüft. Die afghanische Gesellschaft hat ein komplexes Rechtssystem: es gibt Gewohnheitsrechte, welche Teil der örtlichen Tradition sind, es gibt religiöse Rechte, Stammesgesetze und es gibt zivile Rechte. Es gibt also eine Kombination aus Gesetzen und Regelungen und diese sind sehr komplex. Afghanistan ist eine konservative, patriarchalische Stammesgesellschaft.
Sehr alarmierend ist, dass ungefähr 80 Prozent aller Frauen ihre Rechte überhaupt nicht kennen und mehr als 80 Prozent aller Frauen Analphabetinnen sind. Die Regierung hat einige Verbesserungen zur Lage der Frauen durch-geführt: das heiratsfähige Alter von Frauen wurde von neun auf16 Jahre hochgesetzt, Frauen haben jetzt das Recht, zur Schule zu gehen und können außerhalb des Hauses arbeiten. Afghanistan ist ein multi-ethnischer Staat und versucht eine pluralistische Gesellschaft nach demokratischen Prinzipien und Regeln aufzubauen, was eine große Herausforderung für die Regierung ist. Die Regierung versucht, eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu schaffen.
aktuell: Ich habe gelesen, dass sie sehr geschockt waren über den Gesetzesentwurf.
Maliha Zulfacar: Nicht nur ich, viele Menschen- und Frauenrechtsgruppen waren auch sehr betroffen. Ich bin der Meinung, der Fortschritt jedes Landes benötigt die Beteiligung eines jeden Einwohners, um eine Entwicklung voranzutreiben. Ein Land im Aufbau wie Afghanistan braucht unbedingt die Partizipation der Frauen.
aktuell: Haben Sie Angst, als Frau nach Afghanistan zu reisen?
Maliha Zulfacar: Die Sicherheitslage hat sich bedauerlicherweise seit 2006 im allgemeinen und besonders für Frauen verschlechtert. Von 2002 bis 2006 war ich als Dozentin an der Universität Kabul tätig und obwohl die Sicherheitssituation für mich kein großes Problem war, waren meine Studentinnen recht besorgt um ihre Sicherheit. Inzwischen werden Polizistinnen und auch Politikerinnen ermordet, Frauen und Mädchen werden zum Beispiel durch den Einsatz von Säuren schwer verunstaltet und vielen Lehrerinnen wird gedroht, nicht in ihrem Beruf zu arbeiten.
All diese Vorfälle sollten uns aber nicht demotivieren. Im Gegenteil, es sollte uns noch mehr anspornen, die Sicherheitslage zu verbessern, indem mehr Polizisten und Soldaten ausgebildet werden. Diese Vorfälle sollten aber auch die internationale Gemeinschaft motivieren, weiterhin sogar noch mehr dazu beizutragen, um das Training von Polizei und nationaler Armee zu stützen, um den notwendigen Schutz für die Bevölkerung bieten zu können und um die demokratischen Prinzipien und die soziale Gleichberechtigung für alle zu bewahren.
