Montag, 7. September 2009
Notaufnahmelager Marienfelde
Mit der S-Bahn in den Westen
Eine Ausstellung anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Friedlichen Revolution von 1989 in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde – Stiftung Berliner Mauer.
Die S-Bahn spielt eine bedeutsame Rolle in der bewegten Geschichte Berlins: Bis zum Mauerbau 1961 verband sie über die Sektorengrenzen hinweg die gesamte Stadt und bedeutete so ein Stück Normalität im Leben der Berliner. Tausende Menschen pendelten täglich zwischen Ost und West – auf dem Weg zur Arbeit, zu Freunden und Familie, zum Einkaufen oder ins Kino.Tausende nutzten die S-Bahn aber auch, um die DDR dauerhaft zu verlassen. Die Flucht aus der SBZ beziehungsweise der DDR über die S-Bahn war riskant: Ständig wurden die Fahrgäste auf den Bahnhöfen und in den Zügen kontrolliert, um in der Menge der Reisenden und Pendler Fluchtwillige abzufangen.
Das S-Bahnnetz als Symbol der Teilung
Mit dem Mauerbau wurde die S-Bahn zum Symbol für die gespaltene Stadt und die deutsche Teilung. Das Bahnnetz wurde über Nacht in zwei Teile zerschnitten, der gesamte Verkehr umgeleitet. Von den West-Berlinern wurde die S-Bahn nach einem gemeinsamen Aufruf des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt und des DGB 1961 als Stellvertreterin des SED-Regimes boykottiert, denn die Deutsche Reichsbahn der DDR betrieb damals auch das Bahnnetz West-Berlins.
Der Bahnhof Friedrichstraße wurde zum End- und Grenzbahnhof – und zu einer der wichtigsten Nahtstellen im Ost-West-Verkehr. Denn trotz allem fungierte die S-Bahn weiterhin als Bindeglied zwischen beiden Hälften der Stadt: Reisende nutzten sie im Rahmen der Passierscheinabkommen oder bei erlaubten Besuchen auf dem Weg zu Freunden und Verwandten.
Jenseits offiziell genehmigter Reisen war mit dem Mauerbau der Weg über die Grenze versperrt. Die Bahnanlagen wurden massiv gesichert, um jeden Fluchtversuch, etwa zu Fuß durch die Tunnel oder durch das Aufspringen auf Waggons, zu verhindern. Vereinzelt gelangen Fluchten – so passierte zum Beispiel Vera D. den Grenzübergang Friedrichstraße im Dezember 1961 mit Hilfe falscher Papiere. Solche Aktionen erforderten in der Regel die Unterstützung von Fluchthelfern, lange Vorbereitungen, Geld und Glück.
Zeitzeugen berichten
Viele Erinnerungen und Erzählungen von Zeitzeugen kreisen um diese Minuten voller Bangen und Hoffen.
Wilfried S., der 1957 als junger Mann aus der DDR floh, erzählt: „Am 7. Mai ’57 setzte ich mich dann in den Zug […] Ich werde nie vergessen … Friedrichstraße … die Angst, die man damals hatte! Die kann man heute schwer beschreiben. Man sieht, wie die reinkommen mit den Hunden, durch den Wagen gehen, man weiß nicht, soll man jetzt auf den Boden gucken, wird man vielleicht gerade dadurch auffällig, oder nicht; soll man die angucken, oder provoziert man sie dann. Es war ein traumatisches Erlebnis.“
Frau D. erzählt von ihrer Fahrt in den Westen, nachdem sie die Passkontrolle erfolgreich überwunden hatte: „Und als ich dann die Treppen hochging, stand da ein Zug. Und in meiner Aufregung denk‘ ich, mein Gott, wo fährt der Zug jetzt hin. Fährt er nach links in Richtung Westen, oder bin ich jetzt doch auf dem falschen Gleis. Das Verrückteste wäre ja, wenn der Zug jetzt in Richtung Ostbahnhof fährt. Ich also rein in den Zug, und da bin ich dann gefahren, und dann weiß ich noch, die Spannung hat sich in mir gelöst, indem ich gelacht habe. […] Ich bin auf eine Bank und habe gelacht und gelacht.“
Zum Schauplatz einer besonders brisanten Episode in den angespannten deutsch-deutschen Beziehungen wurde die S-Bahn 1963: Die ersten acht politischen Häftlinge, die von der Bundesrepublik aus DDR-Haft freigekauft wurden, kamen in der S-Bahn nach West-Berlin – nachdem zuvor auch die Geldübergabe in der S-Bahn erfolgt war.
Der Fall der Mauer
Die Zeit der begrenzten und kontrollierten Ost-West-Passagen endete 1989 mit dem Um¬bruch in der DDR. Noch in der Nacht des Mauerfalls, wie auch in den Monaten danach, machten sich Tausende auf den Weg in den jeweils anderen Teil der Stadt – viele, weil sie die Chance der offenen Grenze nutzen wollten, angesichts einer unsicheren politischen Zukunft in die Bundesrepublik überzusiedeln; die meisten aus Neugier und Begeisterung über die endlich wieder möglich gewordenen deutsch-deutschen Begegnungen für die Dauer eines Besuchs.
„Mit der S-Bahn in den Westen“
Die Sonderausstellung »Mit der S-Bahn in den Westen« präsentiert Geschichten und Ereignisse aus den Jahren 1949 bis 1990 zum Thema Grenze beziehungsweise Mauer und deren Überwindung. Sie thematisiert die historische Bedeutung der Berliner S-Bahn im Kontext von Flucht, Ausreise und Besuchsreisen in der geteilten Stadt. Die Flucht- und Ausreisegeschichten verdeutlichen, dass die Geschichte von DDR und Bundesrepublik nicht nur getrennt zu betrachten, sondern als Beziehungsgeschichte zu begreifen ist. Insgesamt verließen rund vier Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen. Die Flüchtlinge und Übersiedler haben beide Seiten von Grenze und Mauer kennengelernt und mit ihren mitgebrachten Kenntnissen und Erfahrungen die bundesrepublikanische Gesellschaft geprägt.
Einiges von dem, was in den Erlebnissen und Empfindungen der Flüchtlinge, Übersiedler und Reisenden zum Ausdruck kam, ist heute noch aktuell: Die Blicke aufeinander in Ost und West, Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Enttäuschungen in den grenzüberschreitenden Geschichten von 1949 bis 1990 finden sich in den Problemen des sozialen, wirtschaftlichen und mentalen Zusammenwachsens der ehemaligen beiden deutschen Teilstaaten wieder.
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Die Ausstellung wird in den Sonderausstellungsräumen der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde gezeigt, dem ehemaligen Notaufnahmelager, das für DDR-Flüchtlinge und -Übersiedler erste und zentrale Anlaufstelle in West-Berlin war.
Das Notaufnahmelager Marienfelde wurde 1953 eröffnet. Bis zum Ende der DDR 1990 passierten 1,35 Millionen Menschen dieses schmale „Tor zur Freiheit“, unter ihnen auch Prominente wie der Schauspieler Dieter Hallervorden. Die Ankommenden wurden mit Hilfe von deutschen und alliierten Dienststellen aufgenommen, betreut und in die Länder der Bundesrepublik weitergeleitet.
Obwohl sich viele Flüchtlinge nur kurze Zeit in Marienfelde aufhielten, hatte das Aufnahmelager für sie eine besondere Bedeutung. Es war eine biografische Schnittstelle zwischen ihrem alten Leben in der DDR und dem ersehnten neuen in der Bundesrepublik. Bis Ende 2009 werden Teile des Gebäudeensembles als Zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler genutzt.
Das Austellungskonzept
Die ständige Ausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ spannt in sieben Themenräumen den Bogen von der Entscheidung zum Verlassen der DDR bis zur gesellschaftlichen Eingliederung in die Bundesrepublik. Sie fragt danach, wie es den Menschen trotz Kontrolle, Gewalt und Repression der DDR-Regierung gelang, Grenze und Mauer zu überwinden.
Besonderes Augenmerk gilt den Geschehnissen in Marienfelde: dem Notaufnahmeverfahren, dem Leben im Aufnahmelager und der Bespitzelung von Flüchtlingen durch den Staatssicherheitsdienst der DDR. Ein Exkurs im ersten Raum stellt Menschen vor, die den umgekehrten Weg nahmen und aus der Bundesrepublik in die DDR gingen.
Weitere Informationen zur Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde finden Sie im Internet unter: www.notaufnahmelager-berlin.de
Die Zeitzeugenberichte entstammen folgenden Interviews:
- Wilfried S. in einem Interview der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde am 12.03.2001
- Vera D. in einem Interview der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde am 16.06.2004
© Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde – Stiftung Berliner Mauer
