Montag, 19. Oktober 2009
„Wende“? „Friedliche Revolution“? „Mauerfall“?
Bei seinem Amtsantritt als SED-Generalsekretär verkündet Egon Krenz die „Wende“. Zwei Tage später, am 20. Oktober, widmet das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ dem Thema vier Seiten. Seitdem sind zu den Ereignissen viele Begriffe im Umlauf, darunter „Revolution“ oder „Friedliche Revolution“, später auch „Mauerfall“. Aber was wird dem Herbst 1989 am ehesten gerecht?
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Demonstrationen bringen die Mauer zu Fall: Friedliche Revolution
Foto: picture-alliance / ZB
Viele denken bei „Revolution“ an Frankreich: Paris 1789, der Sturm auf die Bastille mit viel Blutvergießen. Doch eine Revolution erfordert keine Toten: Revolution kommt von „revolvere“, lateinisch für „Umdrehung“, für die „Umwälzung“ von Bestehendem. Und manche Umwälzung gelingt auch ohne Gewalt – friedlich. Darum setzt sich für die Ereignisse von 1989 immer stärker die Bezeichnung „Friedliche Revolution“ durch.
Der Begriff soll nicht die Opfer vernachlässigen, die viele Ostdeutsche gebracht haben: Hunderte wurden 1989 eingekesselt und „zugeführt“, also festgenommen. Auf der Straße verprügelt, in Gefängnissen bedroht und verhört, haben viele in der DDR den Herbst 1989 durchlitten. Friedlich waren aber die Demonstranten: „Keine Gewalt“ war der Ruf der Straße und bürgerkriegsähnliche Zustände blieben dem Land erspart. Der Begriff „Friedliche Revolution“ würdigt die Besonnenheit der Revolutionäre, der Menschen auf der Straße.
Von Wende und Wendehälsen
Häufig wird für den Herbst 1989 noch das Wort „Wende“ gebraucht. Der Duden erläutert „Wende“ schlicht als „Drehung, Wendung; Turnübung“. Dennoch gewann die Bezeichnung schon vor 1989 eine politische Bedeutung. Zum Beispiel beim Regierungswechsel 1982 in der Bundesrepublik Deutschland. Auch 1989 verbreitet sich der Begriff: „DDR - die Wende“ titelt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schon am 16. Oktober 1989.
Die ostdeutsche Geburtsstunde des Begriffs ist zwei Tage jünger, bei der Antrittsrede von SED-Chef Egon Krenz. Nach der eiligen Absetzung Erich Honeckers durch das Zentralkomitee tritt der neue Parteichef am 18. Oktober vor die Kameras: „Mit der heutigen Tagung (...) werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen.“
„Wir“ – das sind die Genossen, die Partei. Dieselbe SED, die Demonstranten als „Rowdys“ verunglimpft hat, verkündet nun die „Wende“ Es bleibt der unverblümte Machtanspruch. Ein kleines Wort soll den Zorn des Volkes glätten.
Das neue Schlagwort ist kurz und griffig. Viele Ostdeutsche machen es sich zueigen, Spruchbänder bei Demonstrationen fordern „Wende statt Wände“. Dennoch ist der Begriff „Wende“ nicht überall willkommen. Viele betrachten ihn als sprachlichen Vereinnahmungsversuch. Die Schriftstellerin Christa Wolf bespöttelt „die Wende“ als Segler-Latein: Die Mannschaft duckt sich, während der Wind sich dreht – der Kurs bleibt doch derselbe.
Der Volksmund „verwendet“ den Begriff in einer weiteren, spöttischen Redensart: „Wendehals“. Ein Wort für Mitläufer und Trittbrettfahrer, die mit rasch angepasster Meinung den Umbruch aussitzen wollen.
Die Mauer einreißen
Die Revolution hat Folgen: Im November sind die Grenzen offen – der sogenannte Mauerfall. Niemand nennt ihn „Mauersturz“, auch wenn das dem tatsächlichen Geschehen näherkäme: Hunderte Kilometer Beton und Stacheldraht sinken schließlich nicht von selbst nieder.
Das Volk hat die Freiheit gefordert, das Regime gibt widerwillig nach. In Berlin picken tausende Mauerspechte den „antifaschistischen Schutzwall“ in handliche kleine Stücke. „Mauerfall“? Der Begriff stimmt, wenn man ihn so übersetzt: Die Menschen in der DDR haben die Mauer mit ihrer Friedlichen Revolution zu Fall gebracht.
