Dienstag, 29. Januar 2013
Psychische Krankheiten
Raus aus der Tabuzone
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Teresa Enke, die Witwe des ehemaligen Nationaltorwarts Robert Enke, fordern, psychische Erkrankungen im Arbeitsleben ernst zu nehmen. Sie stellten gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin den "Stressreport 2012" vor.
Der Stressreport benennt fünf zentrale Belastungsfaktoren
Foto: picture alliance / dpa
Als die Nachricht vom Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke im Jahr 2009 durch Deutschland ging, waren viele geschockt. Warum nimmt sich ein erfolgreicher Profifußballer das Leben? Teresa Enke sagte anlässlich der Vorstellung des "Stressreports 2012": "Auf Privilegien, In-der-Öffentlichkeit-Stehen und gutes Einkommen kommt es bei einer Erkrankung wie Depression nicht an." Deshalb sei es wichtig, darüber zu reden.
Ihre Robert-Enke-Stiftung hat sich der Enttabuisierung des Themas verschrieben. Aufklärung und Therapie zum Thema Depression, aber auch die Vermittlung von Anlaufstellen, vor allem für Leistungssportler, stehen im Zentrum der Arbeit.
59 Millionen Krankentage wegen psychischer Belastung
Aufklären und bewusst machen möchte auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen: "Psychische Erkrankungen kosten Unternehmen und Sozialversicherungen Milliarden. Allein 2011 gab es 59 Millionen Krankentage wegen psychischer Belastung am Arbeitsplatz. Jetzt ist es höchste Zeit, dass wir auch bei den psychischen Belastungen voran kommen. Es ist positiv, dass alle Beteiligten die Brisanz des Themas erkannt haben. Wir haben uns ein Fünf-Jahres-Ziel gesteckt, das wollen wir erreichen."
Im Stressreport 2012 – eine Befragung unter 18.000 Beschäftigten – wurden zentrale Belastungsfaktoren herausgearbeitet:
- Verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen / Multitasking,
- starker Termin- und Leistungsdruck,
- ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge / monotone Arbeiten,
- Arbeitsunterbrechungen und
- sehr schnell arbeiten müssen.
Der Stressreport wird von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin verantwortet.
Konkrete Anti-Stress-Verordnung nötig
Viele Unternehmen seien unsicher, so von der Leyen, wie sie bei psychischen Erkrankungen, oft verursacht durch Stress am Arbeitsplatz, reagieren können. Sie lobte Arbeitgeber und Gewerkschaften, die versucht haben, hier eine gemeinsame Erklärung zu finden. Die Ministerin hofft, dass der noch strittige, kleinste Teil in absehbarer Zeit fertiggestellt werden könne. Eine Anti-Stress-Verordnung müsse so konkret wie möglich sein. Andererseits müsse sie genügend Freiraum für die Eigenheiten jedes einzelnen Unternehmens lassen.
Grenzen ziehen und Kraft holen
Auf die Frage, wie man sich vor Stress schützen könne, antwortete die Ministerin: "Identifizieren: Wo hole ich mir Kraft? Und Grenzen ziehen. Zum Beispiel Pausen einhalten." Das sei auch ihre persönliche Erfahrung.
Sie hob die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie hervor, mit der schon viel für Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz erreicht worden sei. Die von 2013 bis 2018 gültige Arbeitsschutzstrategie berücksichtigt auch das Ziel der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz. Bund, Länder und Unfallversicherungsträger haben die Strategie gemeinsam beschlossen.
Daten und Fakten zur psychischen Gesundheit
•2011 wurden bundesweit 59,2 Millionen Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert. Das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den vergangenen 15 Jahren. Das wiederum entspricht einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10,3 Milliarden Euro und Produktionsausfallkosten in Höhe von 5,9 Milliarden Euro.
• 41 Prozent aller Neuzugänge zur Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit waren auf psychische Störungen zurückzuführen.
• Psychische Belastungen sind inzwischen Ursache Nummer eins für Frühverrentungen. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei 48,3 Jahren.
• 2006 wurden knapp 27 Milliarden Euro für die Behandlung psychischer Erkrankungen ausgegeben. Das waren 3,3 Milliarden mehr als 2002.
