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Samstag, 24. November 2012

Deutsche Einheit

Die Mauer fiel - auch wegen der Umweltbewegung

"Hände hoch, Maschine aus!" Mit diesem Befehl stürmt ein zwanzigköpfiges Einsatzkommando der DDR-Staatssicherheit in der Nacht zum 25. November 1987 die Umweltbibliothek der Berliner Zionskirche. Mitarbeiter sind gerade dabei, die neueste Ausgabe der "Umweltblätter" zu drucken. Die Stasi verhaftet sieben Leute und beschlagnahmt Druckmaschinen und Schriften. Es ist der erste Übergriff des SED-Regimes auf kirchliche Räume seit den 1950er Jahren.

Noch in der gleichen Nacht wird eine Mahnwache in der Kirche eingerichtet. In den folgenden Tagen kommen Hunderte Oppositionelle aus dem ganzen Land zu Solidaritätsveranstaltungen. Auch anderswo in der DDR halten Bürger Mahnwachen. Die breite Reaktion und das große Medienecho im Ausland zwingt die Staatsführung, die Verhafteten wieder freizulassen.

1986 hatte die Bibliothek in den Kellerräumen des Pfarrhauses ihre Arbeit aufgenommen. Dort gab es Raritäten: Literatur zu Frieden, Umwelt und Entwicklungshilfe, illegale Zeitschriften. Alle zwei Tage traf man sich zu Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen. Neben den "Umweltblättern" druckte sie auch andere Samisdat-Zeitschriften.

Umweltkrise – mit den Händen zu greifen

Die Verhaftungsaktion zeigte, welche politische Sprengkraft die Stasi der Umweltbewegung zumaß. Deutlich wurde aber auch der Rückhalt, den Umweltgruppen in der Opposition der DDR hatten. Nicht ohne Grund: Die Umweltprobleme des Landes waren offenkundig. "Der Smog in Halle war so stark, dass ich mich verlaufen hatte in der Stadt", erinnert sich die Meteorologin Rosemarie Benndorf an ihre Anfänge in der Umweltbewegung.

70 Prozent ihres Energiebedarfs bestritt die DDR aus Braunkohle und hatte deswegen eine der höchsten Emissionen in Europa. Die Folge: in besonders belasteten Regionen wie Leipzig, Halle oder Chemnitz litt jedes zweite Kind an Atemwegserkrankungen.

Über die Hälfte der Wälder war beschädigt. Von den Gewässern ließen sich mit normalen Aufbereitungstechniken nur 20 Prozent für Trinkwasser nutzen. Intensive Landwirtschaft und undichte Mülldeponien verunreinigten Grund- und Oberflächenwasser zusätzlich. In ehemaligen Braunkohlegruben dümpelten hochgiftige Chemikalien.

Umweltschutz auf dem Papier

Umweltschutz wurde zwar schon 1968 in der DDR als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen – noch vor der Bundesrepublik. Und als zweites Land in Europa erließ das Land im Mai 1970 ein umfassendes Umweltschutzrahmengesetz. Anfang der 70er Jahre schlug die SED-Führung jedoch einen neuen Kurs ein: Was erwirtschaftet wurde, sollte Massenbedürfnisse befriedigen. Das hieß: beschleunigter Wohnungsbau, Preisstopp für Konsumgüter und Dienstleistungen, mehr Waren in den Geschäften. Modernisierungen der Herstellungswege und dringende Investitionen in die Umweltinfrastruktur unterblieben damit.
Der ökologische Preis dieser Politik war tabu: 1982 erklärte der Ministerrat Umweltdaten weitgehend zur Verschlusssache.

Das grüne Kreuz - Symbol kirchlicher Umweltbewegung

Umweltzerstörung, ihre Vertuschung und Gesundheitsgefährdung wollten viele Menschen nicht akzeptieren. Kritik sammelte sich vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirche.

1979 kamen in Schwerin junge Menschen zu einem kirchlichen Jugendwochenende zusammen und pflanzten entlang einer neuen Straßenbahnlinie 5.000 Bäume. Die Aktion wurde in der ganzen DDR aufgegriffen. Es entwickelte sich eine regelrechte "Baumpflanzbewegung", die zur Gründung von Umweltgruppen in vielen Städten führte. Außerdem traf man sich in Schwerin oder Berlin zu ökologischen Seminaren, in Potsdam zu Radsternfahrten. Kleine grüne Tonkreuze, die erstmals auf dem Evangelischen Kirchentag 1983 in Dresden angefertigt wurden, wurden zum Symbol der kirchlichen Umweltbewegung.

Theoretische Fundamente und Vernetzung

Herbst 1989

Wie hat die Umweltbewegung zur friedlichen Revolution beigetragen? "Durch das Selbstständig- und Aktiv-Werden und das Entwickeln eigener Ideen. Wir hatten ja in unserem Bereich im Kleinen demokratische Strukturen geschaffen, die die Befassung mit anderen Themen mit vorbereitet haben," resümiert Rosemarie Benndorf. Auch die permanente Herausforderung des Staates setzte einen Prozess in Gang: "Wenn man einmal den kleinen Finger hat, dann nimmt man mehr und mehr." Michael Beleites sieht deswegen auch in der Umweltbewegung einer der drei Säulen der DDR-Opposition.

Insofern wundert es nicht, dass die Umweltkrise Thema im Herbst 1989 war und mit dem Ruf nach Wahlen und Bürgerbeteiligung Hand in Hand ging. Bürgerrechtsbewegungen wie "Demokratie jetzt" oder der "Demokratische Aufbruch" forderten eine ökologische Umgestaltung der Gesellschaft. Mitglieder der Umweltgruppen waren an der Gründung von Bürgerbewegungen und der zwei grünen Parteien – "Grüne Partei" und "Grüne Liga" – im Herbst beteiligt. Die Umweltbewegung fehlte auch nicht am Runden Tisch. Und Vertreter von ihnen als Minister zu berufen, daran kam am Ende auch SED nicht mehr vorbei.